B I B L I O G R A P H I E
| H O M E
| F E E D B A C K
In: Österreichisches Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung
(Hg), Über die Schönheit und Mächtigkeit des Kleinen, Die Leopold
Kohr Vorlesungen, 1998, Dialog, Beiträge zur Friedensforschung, Bd
33, Heft 3-4, 1997, Agenda Verlag Münster
Faktische und
visionäre Alternativen zum Nationalstaat
Günther Witzany
1. Die neue Unübersichtlichkeit und universalisierbare
Handlungsnormen
Jürgen Habermas diagnostizierte schon
Mitte der achtziger Jahre eines der dominantesten Zeitprobleme der
unmittelbaren Gegenwart und der nicht zu fernen Zukunft: die neue
Unübersichtlichkeit. Der Untertitel eines gleichnamigen Essays
aus dem Jahre 1985 lautete ªDie Krise des Wohlfahrtsstaates und die
Erschöpfung utopischer Energien´. Darin stellt er fest, dass
politische Utopien in Hinkunft sich hauptsächlich mit den
unkalkulierten Nebenfolgen technischer Revolutionen zu beschäftigen
haben, kurz: Politische Utopien haben geeignete Strategien der
Schadensbegrenzung für künftige Gesellschaften zu entwickeln. Durch
den Druck faktischer Verhältnisse kommen aber die Utopienentwickler
bereits völlig erschöpft dort an, wo die Entwicklung der Utopien
erst zu beginnen hätte.
Die Kernenergie, die Waffentechnologie und
das Vordringen in den Weltraum, die Genforschung und der
biotechnische Eingriff ins menschliche Verhalten.
Informationsverarbeitung, Datenerfassung und neue
Kommunikationsmedien sind von Haus aus Techniken mit zwiespältigen
Folgen. Und je komplexer die steuerungsbedürftigen Systeme werden,
um so größer wird die Wahrscheinlichkeit dysfunktionaler
Nebenfolgen. Wir erfahren täglich, dass sich Produktivkräfte in
Destruktivkräfte, Planungskapazitäten in Störpotentiale verwandeln.
Deshalb nimmt es nicht wunder, dass heute vor allem jene Theorien an
Einfluss gewinnen, die zeigen möchten, dass dieselben Kräfte der
Machtsteigerung, aus denen die Moderne einst ihr Selbstbewusstsein
und ihre utopischen Erwartungen geschöpft hat, tatsächlich Autonomie
in Abhängigkeit, Emanzipation in Unterdrückung, Rationalität in
Unvernunft umschlagen lassen´.
Das musste Habermas damals eigentlich
deprimieren. Hatte er doch in den Jahren zuvor eine Diskurs- und
Verantwortungsethik entworfen, wie sie bislang in der gesamten
Geschichte der philosophischen Ethik unmöglich schien: argumentativ
nichthintergehbare ethische Normen als Bedingungen gelingender
sozialer Interaktion. Der moralischen Kraft ihrer Einlösung konnte
man nur durch willkürlichen Abbruch der Kommunikation entgehen, war
also rational nicht begründbar. Damit wären erstmals in der
Geschichte der Menschheit ethisch verbindliche Handlungsnormen
verfügbar, die unabhängig von allen kulturellen Unterschieden und
politischen Ideologien und Systemen grundsätzlich von allen
vernünftig handelnden Menschen als moralische Legitimation
verwendbar wären. Auf sie könnten sich Menschen und politische
Systeme auch sehr unterschiedlicher Art ohne politische oder noch
wichtiger: kulturelle Unterschiede zu egalisieren. Das heißt, es
stünde prinzipiell eine universalisierbare normative Einigungsbasis
zur Verfügung ohne die kulturellen Unterschiede aufgeben oder
vermischen zu müssen, sozusagen die inhaltliche Grundlage einer
ethischen Globalisierung.
Im Rahmen verbindlicher Handlungsnormen,
die globalen Ansprüchen genügen können, ist aber eine gewisse
Übersicht über sämtliche systemische und lebensweltliche Dynamiken
erforderlich, um die möglichen Folgen geplanter und zu
exekutierender Entscheidungen mit globalen Wirkungsvektoren als
verantwortliches Handeln rechtfertigen zu können. Denn Handeln, das
sich nicht mehr rechtfertigen muß – und sei es in einem
gesellschaftlichen Werte-Konsens – ist schwerlich als
verantwortliches Handeln zu bezeichnen.
2. Wohin geht die Reise, oder: Zur
Steuerungstechnologie der Massenzivilisation
Die von Habermas vor 15 Jahren
prognostizierte stärker werdende Kluft zwischen den Zwängen
politisch-wirtschaftlicher/technisch-wissenschaftlicher Systeme und
den realen Lebenswelten der in ihnen lebenden Menschen tritt
definitiv ein. Traditionelle Lebenswelten zerfallen oder erodieren
und werden durch Sozialtechnologien ersetzt. Die vielfach
zerfallenen Werte traditionell gewachsener Lebensformen werden durch
einen universalisierbaren Wertekonsens der Konsumgesellschaften
ersetzt. Statt der möglichen ethischen Globalisierung kommt es zur
ökonomischen Globalisierung, die nicht vernünftig begründbaren
verantwortungsethischen Normen folgt, sondern gesinnungsethischen
Normen einer Konsumideologie des technisch-wissenschaftlichen
Industrialismus. Der speist seine politische Ideologie aus der
Grundmaxime einer unbedingten Profitsteigerung. Und die meint, er
sei durch wirtschaftliches Wachstum, durch politisches Wachstum
durch Vereinigung, Vereinheitlichung und Deregulierung der Märkte zu
erreichen. Deshalb sind utopische Energien erschöpft, weil sie
zuerst mit einer Entwicklung fertig werden müßten, die (politisch
weitgehend verselbständigt) die Kulturen global verschmilzt, ohne
relevante Wahl- und Gestaltungsmöglichkeiten offen zu lassen: Die
Entwicklung beschleunigt sich in Richtung neue Weltordnung:
Weltgesellschaft, Weltregierung, Weltwährung.
Sehen wir uns nun diese Vereinigungsideologie an: Der
Streit, ob kleine oder große politische Einheiten die
erfolgreicheren sind, ist durch die Kraft des Faktischen
entschieden: Clark Abt, Leiter des ªStudienzentrums für kleine
Staaten´ an der Boston University verglich die wirtschaftliche
Entwicklung und die Lebensqualität in kleinen und großen
Volkswirtschaften miteinander.
Das Ergebnis
war eindeutig: Die kleineren Volkswirtschaften waren erfolgreicher.
Die Kraft des Faktischen sieht heute aber so aus, daß alles in
Richtung Fusionierung, Globalisierung läuft. Die zentrale
Bewertungsnorm politischen und wirtschaftlichen Handelns heißt
Globalisierung der Märkte und der politischen Systeme in Richtung
Weltgesellschaft, Weltregierung, Weltwährung.
Für die Ideologie der Vereiniger und Vereinheitlicher
sind dies zentrale Kerne ihrer Überzeugung: Erst die
Weltgesellschaft bekommt die global beschleunigten Probleme in den
Griff, da durch zentrale Gesetzgebung alle Staaten der Erde zur
Einhaltung und Exekution dieser Gesetze verpflichtet werden können.
Erst wenn
alle Staaten der Erde Souveränitätsverzicht zugunsten einer
Weltregierung leisteten, wäre auch ein friedliches Miteinander oder
wenigstens Nebeneinander möglich, könnten Konflikte
unterschiedlicher Zivilisationen vermieden werden. Erst dann wäre
die strikte Trennung von vormodernen, religiösen Wertvorstellungen
unterschiedlicher Kulturen von der Politik und Wirtschaftspolitik in
einer multiethnisch konstituierten Weltregierung gesichert.
Die Verfechter dieser Ideologie sehen sich
heute in der Vorbereitungs- und Aufbauphase. Die Herstellung der
Weltgesellschaft gelinge leichter, wenn sich schon vorher fünf bis
sechs große politisch-wirtschaftliche Blöcke bilden würden, die sich
dann verträglich einigen könnten. Um diese Voraussetzung herstellen
zu können, sind in einer ersten Phase verschiedene vereinigte
Staaten oder wenigstens Wirtschaftsräume als Zollunionen
herzustellen. Das Hindernis auf diesem Wege wären gewachsene
Nationalstaaten mit ihren Bürgern, die nicht über das
Informationsniveau verfügten, das notwendig sei, um erkennen zu
können, daß das Nationalstaatskonzept nicht in der Lage wäre,
globale Probleme effizient zu lösen.
Kulturell gesehen sei die Weltgesellschaft
unter einer Weltregierung ein deutlicher Fortschritt, da die
kulturellen Unterschiede, die immer auch Auslöser für
Nationalitätenkonflikte waren, damit entschärft würden. Die
Weltbürgerschaft mache alle Menschen zu Mitgliedern der gleichen
Weltkultur.
Wirtschaftlich gesehen sei die
Weltgesellschaft ein deutlicher Fortschritt, da alle Gebiete und
Regionen der Erde in den Genuß des technischen Fortschrittes kämen
und es dann keine Unterentwicklungsgebiete mehr geben müsse.
Globaler Wohlstand sei die logische Folge dieser Entwicklung.
Sicherheitspolitisch gesehen sei die
Weltgesellschaft ein deutlicher Fortschritt, da alle Gebiete in ein
globales Sicherheitssystem eingebunden wären, das mit einem
unvergleichlichen Militärapparat möglichen Konfliktpartnern von
vorneherein keine Chance ließe und diese daher zwänge, den Konflikt
politisch zu lösen. Kriege gehörten endlich der Vergangenheit an.
Aber Sie merken sicher schon: Jetzt klingt
es nicht mehr wie eine Ideologie oder eine Utopie, sondern schon wie
ein Märchen, und das ist es auch!
Je länger sich nämlich Globalzentralisten
über ihre Wunschvorstellungen unterhalten, desto weniger Probleme
lösen sich, aber um so mehr tun sich auf. Es ist wie die Büchse der
Pandora: Die Problemflut einer hochkomplexen Weltgesellschaft
ergießt sich unaufhörlich und deckt die Problemlösungskapazitäten
schnell zu. Und die grundsätzlichen Problemkategorien einer
Weltregierung, die noch systemsteuernd auf Weltmärkte einwirken
könnte, um so die Politik als Vertretung mündiger Menschen gegenüber
einer de facto globalisierten Wirtschaftsdynamik überhaupt
aufrechterhalten zu können, diese Probleme unterscheiden sich nicht
prinzipiell von jenen der EU, der USA, der ehemaligen UdSSR, Chinas
oder Indiens: Es sind Probleme der Effizienz der Verwaltung, der
Finanzierbarkeit, der Rechtssicherheit, sprich: Überwachung der
Einhaltung konsensuell festgelegter Rechtsnormen. Es sind die auch
aus der Geschichte großer politischer Reiche längst bekannten
Probleme großer Einheiten, die beständig in Richtung stabiles
Gleichgewicht drängenden Kräftevektoren, die gänzlich andere
Merkmale tragen als ein mobiles Gleichgewicht, das nur aus einer
Vielheit kleiner Einheiten bestehen kann.
Bei der ersten Alternative zum modernen
Nationalstaat, bei der Ideologie der Globalisierung treten im
Unterschied zu allen vorhergehenden Versuchen großer Vereinigungen
drei völlig neue Qualitäten hinzu:
a) Die technischen Mittel: Die moderne
Weltgesellschaft kann sich bisher nicht gekannter Technologien
bedienen, die eine entsprechende Verwaltungslogistik erlauben, die
zu keinem Zeitpunkt der Geschichte in diesem Ausmaß möglich war.
b) Die Beschleunigung der Daten-, Finanz-,
Waren- und Personenströme. Die technischen Mittel erlauben eine
Beschleunigung dieser vier Ströme in ein Ausmaß, das niemals vorher
realisierbar war.
c) Die Bevölkerungsmasse einer
Weltgesellschaft: Bis vor hundert Jahren gab es etwa eine Milliarde
Menschen. Ende des zwanzigsten Jahrhunderts sind es acht Milliarden.
Die Probleme einer Weltregierung würden
sich von jenen der bestehenden oder demnächst geplanten großen
Vereinigungen nicht prinzipiell unterscheiden. Obwohl wir mit
Vernunft begabte Wesen sind, die in der Lage wären, aus bereits
begangenen Fehlern zu lernen und deren Wiederholung zu vermeiden,
drängen wir mit politischen Vereinigungsprozessen in diesen
Größenkategorien beständig in die Schleifspur der Geschichte, die
sich an Konzepten orientiert, die mehr als einmal gescheitert sind:
Beispiele? Die Riesenreiche der Mongolen, der Hunnen, der Römer, der
Germanen, der Azteken, die Kaiserreiche, die Imperialreiche der
Spanier, Portugiesen, Holländer, Engländer und Franzosen, die
modernen Großreiche der USA der gerade gescheiterten UdSSR, Chinas,
die neuen Wirtschaftsblöcke der Tigerstaaten, der EU, Japans, der
NAFTA. Sie alle unterliegen denselben Strukturschwächen, mangelnde
Flexibilität, Erstarrung des Verwaltungsapparates zur reinen
Selbsterhaltungsverwaltung, Unfinanzierbarkeit der öffentlichen
Ausgaben.
Der entscheidende Unterschied zu den
gescheiterten Vorbildern der Geschichte liegt in der Ausweitung der
Folgewirkungen durch die drei Parameter, die ich vorher nannte: neue
technische Mittel, Beschleunigung und Bevölkerungswachstum.
Wir können uns nun dem Problem der
Verfolgung irrationaler Ziele am Beispiel des Vereinigungsfiebers
oder besser der Vereinigungsideologie von zwei Seiten nähern:
Wir können eine Ebene feststellen, die
tatsächlich Nutzen davon hat, etwa der internationale Finanzmarkt:
das ist das Kapital, das Know-how-Vorteile geschickt nutzt, um
spekulative Vorteile durch Geldhandel und Devisenspekulation zu
erlangen. Die technischen Mittel erlauben Transferaktionen in
Minuten für die vor zehn Jahren noch Tage notwendig waren, also
einen Vorteil auch durch Beschleunigung. Außerdem kam es zu einer
dramatischen Anhebung der Quantität der gehandelten Summen: Waren es
Mitte der achtziger Jahre noch etwa 200 Milliarden Dollar, die
täglich an den internationalen Finanzmärkten gehandelt wurden, so
sind es heute täglich zwei bis drei Billionen. Wohlgemerkt, es
handelt sich hauptsächlich nicht mehr um Geld, dem ein Warenwert
entspricht, sondern um Handelsformen, die fiktiven Geldmengen
entsprechen, losgelöst von Warenäquivalenten, die gehandelt werden.
Multinationale Konzerne wie Siemens profitieren von der
Globalisierung. Sie profitieren von den Ausbauplänen der
internationalen Atomlobby, die die Energieversorgung der Zukunft
immer noch in der Atomkraft sieht: Demnach sollen vier Billionen
Dollar weltweit bereitgestellt werden um den Bau weiterer 2000
Atomkraftwerke zu unterstützen, um damit die weltweite
Energieversorgung auf ein sicheres Fundament zu stellen.
Das sind nur zwei kleine Ausschnitte aus dem Spektrum
der Globalisierungsgewinnler. Zum Gros der Globalisierungsverlierer,
also der sozialen Absteiger, der durch ökologischen Raubbau
Betroffenen, der Wohlstandsverlierer (infolge immer weiter
zunehmender Steuerlast), letztlich der Lebensqualitätsverlierer
gehören aber auch Optimisten, die trotz der warnenden Beispiele der
Geschichte an die Vorteile von Größe und Vereinigung glauben. Sie
sind auch mit guten Argumenten nicht davon zu überzeugen, daß eine
Zentralregierung oder gar eine Weltregierung keine Chance hätte,
alle anstehenden Probleme besser zu lösen als es kleine souveräne
Einheiten wären. Bei den Vereinigern handelt es sich um eine
Glaubensgemeinschaft, denn anders läßt sich eine gesinnungsethische
Einstellung nicht bezeichnen, die trotz dauernder Fehlschläge ihres
Konzeptes dennoch unbeirrbar an dieser fixen Idee festhält. Ich
vermute, es handelt sich auch um ein psychologisches Problem: Drei
Autoren, der Sozialpsychologe Erich Fromm, der Historiker Lewis
Mumford und der soziologisch recherchierende Literat Elias Canetti
kamen zum selben Ergebnis ihrer Persönlichkeitsstudien.
Es ist das
mitunter verzerrte oder deformierte Verhältnis der inneren Natur des
Menschen zu seiner äußeren: Fühlt er sich innerlich klein,
unbedeutend, wertlos, tendiert er nach Größe, Machteinfluß und
Geschichtsgröße. Seiner inneren Zerissenheit stellt er äußere
Vereinigungsutopien gegenüber, seiner inneren Halt- und
Normenlosigkeit äußeres Moralisieren zum Wohle der Menschheit.
Innerer Armut stellt er gerne äußeren Reichtum, innerer
Verwahrlosung äußere Bereitschaft zur Erhaltung von Recht und
Ordnung (auch mit Mitteln der Gewalt) gegenüber.
Was bei vielen Verfechtern der politischen
Vereinigung (bis hin zum Wunsch nach einer Weltorganisation mit
machtpolitischem Einfluß oder einer Weltregierung) feststellbar ist,
daß sie den Mangel an innerer Einheit durch die
Hoffnungsträchtigkeit äußerer Vereinigungsphantasien kompensieren.
Ist der Mangel an persönlicher Integrität pathologisch, wird auch
das Vereinigungsbestreben pathologisch. Denken Sie an den Größenwahn
von Alexander dem Großen, den der römischen Cäsaren, der
Mongolenherrscher, der modernen Varianten Stalin, Hitler, und der
vielen anderen ähnlich psychopathologisch Entgleisten.
Auch beim EU-Beitritt Österreichs wurde
die Überlebensfähigkeit Österreichs als Nicht-EU Mitglied am
stärksten von den im Vereinigungsfieber liegenden bezweifelt,
Österreich werde isoliert sein, werde albanisiert werden, am Rande
Europas zugrunde gehen, darum müsse man für die EU sein, dann wachse
der Wohlstand, die Arbeitslosenrate, werde zurückgehen, die
Auslagerung der Industrie im Ausland verhindert. Alles werde
billiger werden, der Schilling werde hart bleiben und die
Neutralität werde erhalten bleiben.
Die, die Österreich alleine nichts mehr
zutrauten, waren am vehementesten für den EU-Beitritt. Es gibt auch
Länder, in denen das anders war. Die SchweizerInnen und die
NorwegerInnen waren überzeugt, daß es auch mit der EU ginge, ohne
Mitglied sein zu müssen.
Was ich damit zum Ausdruck bringen will
ist, daß es in diesem Zug zu Vereinigung und politischem Wachstum
der Einflußsphären auch eine Menge von Befürwortern gibt, die nicht
Kraft des besseren Argumentes dafür sind, sondern aus Motiven der
persönlichen Überzeugung, die ihre Wurzel in der Struktur ihrer
eigenen Persönlichkeitsbildung haben. Wer immer sich innerlich
klein, unbedeutend oder wertlos fühlt, wird verstärkt Tendenzen zu
äußerem Größenwahn, Riesenreichen oder Globalisierungspräferenzen
haben.
3. Irreversible Gefahrenpotentiale von
Vereinigungsprozessen
In einer Vernetzung von globalen
Gesellschaftssystemen unter den Wertprämissen der ökonomischen
Vernunft entstehen bisher nicht dagewesene Gefahrenpotentiale, die –
sollten sie virulent werden – irreversible Folgen zeitigen könnten:
die Abschaffung demokratischer
Legitimation oder:
die "leere Hülsen"-Funktion der
Demokratie:
Denkt man die wirtschaftliche
Globalisierung mit ihrer Maxime, deregulierte Märkte; zu Ende, so
kommt man zwangsläufig auf die von Altvater prognostizierten Folgen:
Erosion des Nationalstaates (I), Souveränitätsverlust in der
Wirtschaftspolitik (II), Kollaps der nationalen Plansysteme (III).
Das bedeutet aber in weiterer Folge das Ende politisch legitimierter
Handlungskompetenz bei der Lukrierung sozialer und ökologischer
Kosten. Mit den gegenwärtig sich festschreibenden Strategien der
ökonomischen Vernunft begeben wir uns praktisch der Möglichkeit,
sowohl lokale als auch globale Sozial- und Ökosphären nicht nur
effizient zu schützen, sondern überhaupt vor Zerstörung zu bewahren.
Hans Jonas bringt das treffend auf den
Punkt:
Eine statische Bevölkerung könnte an einem
bestimmten Punkt sagen: Genug!, aber eine wachsende steht unter dem
Zwang zu sagen: Mehr! Heute beginnt erschreckend klar zu werden, daß
der biologische Erfolg nicht nur den ökonomischen in Frage stellt,
also vom kurzen Fest des Reichtums wieder zum chronischen Alltag der
Armut zurückführt, sondern auch zu einer akuten Menschheits- und
Naturkatastrophe ungeheuerlichen Ausmaßes zu führen droht. Die
Bevölkerungsexplosion, als planetarisches Stoffwechselproblem
gesehen, nimmt dem Wohlfahrtsstreben das Heft aus der Hand und wird
eine verarmende Menschheit um des nackten Überlebens willen zu dem
zwingen, was sie um des Glückes willen tun oder lassen konnte: zur
immer rücksichtsloseren Plünderung des Planeten, bis dieser ein
Machtwort spricht und sich der Überforderung versagt. Welches
Massensterben und Massenmorden eine solche Situation des ›rette
sich, wer kann‹ begleiten werden spottet der Vorstellung. Die so
lange durch Kunst hintangehaltenen Gleichgewichtsgesetze der
Ökologie, die im Naturzustand das Überhandnehmen jeder einzelnen Art
verhindern, werden ihr um so schrecklicheres Recht fordern, gerade
wenn man ihnen das Extrem ihrer Toleranz abgetrotzt hat. Wie danach
ein Menschheitsrest auf verödeter Erde neu beginnen mag, entzieht
sich aller Spekulation.
Die Repräsentanten der ökonomischen
Vernunft benutzen den Politikrest, der nominal übrigbleibt, als
Maske: Als ªleere Hülse´-Demokratie bestimmt nicht der Souveräne,
der Bürger, was Politiker zu tun haben, sondern die Wirtschaft sagt
der Politik, was sie zu tun hat und wie die politischen Marionetten
ihr Handeln für die Wähler rhetorisch darzubieten haben. Wie ein
hohes Mitglied des deutschen Bundestages unlängst sagte: Vor nicht
allzu langer Zeit waren die Wirtschafter froh, wenn sie zu
politischen Empfängen eingeladen wurden. Heute sind Politiker froh,
wenn sie zu Wirtschaftsempfängen eingeladen werden.
Je größer die Einheiten werden, desto mehr
bestimmen wirtschaftlich/
politische Interessenvertretungen die
Marschrichtung der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Nur große
Staaten können sich zum Beispiel Weltraumforschung und -anwendung
leisten. Sie leisten es sich aber auf Kosten anderer
Entwicklungsmöglichkeiten. Atomtechnologie, Weltraumfahrt und
Rüstung verschlangen Unsummen, die ja auch zur flächendeckenden
Einführung erneuerbarer Energieformen, tragfähiger sozialer Netze
und anderer Innovationsinitiativen verwendet hätten werden können.
Angesichts des Technologieniveaus kommen aber Rasterfahndung,
Lauschangriff und der gläserne Mensch auf uns zu. Die Politik gibt
vor, dies geschehe zum Schutze der Menschen, da die Zahl der Delikte
organisierter Kriminalität emporschnelle (durch Abschaffung der
Grenzen und Grenzkontrollmöglichkeit). Faktisch läuft die globale
Exekutive global agierenden Formen organisierter Kriminalität
hinterher. Technisch raffinierter ausgestattet, ist es Vertretern
globaler Kriminalitätsvereinigungen ein leichtes, jedem
Lauschangriff vorzubeugen und der Rasterfahndung zu entkommen. Diese
zwei Meilensteine in der Errichtung des Überwachungsstaates sind nur
praktikabel gegen Personen, die sich technisch nicht dagegen wehren
können.
Anläßlich der ständig steigenden
Steuerlast stand in den Salzburger Nachrichten unlängst zu lesen,
die Politiker hielten sich die Bevölkerung quasi als Beuteopfer.
Wenn man nun daran denkt, wer in Zukunft Politik unter welchen
Prämissen gestalten wird, sind wir beim klassischen
Überwachungsstaat, in dem politische Diktatoren Hand in Hand mit
multinationalen Konzernen die Menschen zur Kasse bitten und ihnen
keine Chance auf wirksamen Widerstand bieten. Oder hatte die
Großindustrie mit den Führern des dritten Reiches grundsätzliche
Probleme?
Eine Weltregierung oder auch ihre
Vorläufer, ªVereinigte Staaten von ...´, die die Möglichkeit hätten
flexibel auf die wichtigsten Problemlagen reagieren zu können, die
darüber hinaus keine Regionen benachteiligt und keine bevorzugt, das
ist wie ein hölzernes Eisen oder ein rundes Quadrat. Das Konstrukt
der Vereiniger ist keine Utopie, sondern eine Ideologie, die sich
rational weder begründen noch rechtfertigen läßt, sondern sich bei
genauerem Hinsehen im quasi religiösen Überzeugungs- und
Glaubensbereich befindet. Sie läßt sich nicht verantwortungsethisch
legitimieren, sondern nur gesinnungsethisch reklamieren. Sie gründet
nicht auf die Kraft der besseren Argumente, sondern auf
Justament-Standpunkten, deren dogmatische Couleur unübersehbar ist.
Eine Weltregierung und schon ihre
Vorläufer brauchen unglaublich komplexe Verwaltungsapparate, deren
Verwaltungstechnik über unvorstellbare Kommunikationstechnologien
verfügen müßte – die auch den gläsernen Menschen brauchen. Die
verfügbaren Datenbanken müßten jetzige Datensammlungen
megameilenweit übertragen, ihr technischer Zusammenbruch oder
mögliche Sabotage müßten so unbedingt verhindert werden, daß ihre
Sicherung um jeden Preis zum Weltsicherheitsdogma gemacht
werden müßte. Man kann sich vorstellen wie Energieversorgungs- und
Kommunikationstechnologien im Hard- und Softwarebereich gesichert
werden müßten.
4. Ein Beispiel des logistischen
Scheiterns
Die Deregulierung der Märkte führt
zwangsweise zu einem Ansteigen der Verkehrsströme. Doch das sollte
aus ökologischer Sicht oder der Sicht nachhaltigen Wirtschaftens
gerade vermieden werden. Und tatsächlich ist alleine der
Straßenverkehr, oder besser gesagt der Automobilismus, ein Herzstück
der Wachstumsideologie. Trotzdem werden die Staus in den Städten
immer länger und bei den Frequenzsteigerungen auf den Autobahnen
purzeln die Rekorde. Wie Walter Wolt vom Süddeutschen Institut für
nachhaltiges Wirtschaften und Öko-Logistik bei einer Tagung zum
Ausdruck brachte: ªDie Friedensformel, die für Europa eine
Erfolgsformel war, ist zerbrochen: nämlich Produktivität in
Wohlstand für alle umzuwandeln´. Am Beispiel Verkehr in einer
liberalisierten Wirtschaft konnte er zeigen, daß dieses Konzept zwar
für die Großen gut ist, in den Regionen jedoch Klein- und
Mittelbetriebe ruiniert. Derzeit gehen für jeden zusätzlichen
Arbeitsplatz in der Großindustrie fünf Arbeitsplätze in den Regionen
verloren. Gravierend ist in diesem Zusammenhang, daß der Fernverkehr
immer billiger wird (40–60 Groschen pro Tonnenkilometer) der
Nahverkehr immer teurer (5 Schilling pro Tonnenkilometer). Weil die
Nähe immer kostenintensiver wird, können Zulieferer, die oft
tausende Kilometer entfernt sind, billiger sein als jemand, der nur
200 Kilometer entfernt ist. Entweder man baut mehr Straßen, um die
Beschleunigungsspirale zu forcieren, oder man fördert die regionale
Wirtschaft und sichert Arbeitsplätze. Beides geht nicht mehr
und schließt einander aus.
Die Gefahren des freien Handels werden
noch verdeckt und vertuscht. Da wird nationalen Regierungen das
Verhandlungsergebnis über GATT (General Agreement on Tariffs and
Trade) nach dem Motto ªfriß oder stirb´ präsentiert, und den
Teilnehmern der NAFTA (North American Free Trade Agreement) wird es
nicht anders ergangen sein. Und wie Hermann E. Daly,
Alternativnobelpreisträger 1996 und leitender
Wirtschaftswissenschaftler in der Umweltschutzabteilung der Weltbank
sagte, als er sich auf die GATT-Verhandlungen bezog, die erneut die
Verpflichtung zu freiem Handel und wirtschaftlicher Globalisierung
unterstreichen:
ªDoch das zugrundeliegende Vorurteil
sollte revidiert und die Beweislast umgekehrt werden. Als Regel
müßte die Förderung heimischer Produkte für heimische Märkte gelten.
Falls zweckmäßig, könnte ein ausgeglichener Außenhandel genutzt
werden; er dürfte aber die inneren Angelegenheiten nicht so
beherrschen, daß dem Land ökologische und soziale Katastrophen
drohen. Die heimische Wirtschaft sollte gleichsam der Hund sein und
der internationale Handel nur der Schwanz. Mit GATT wird aber
versucht, alle Schwänze so fest zusammenzubinden, daß der
internationale Knoten mit den einzelnen Hunden wedeln kann.´
Und Hermann Daly zitiert zur Unterstützung
seiner Ansichten den Ökonomen John Maynard Keynes, der sagte:
ªIch sympathisiere darum mit denen, die
die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen den Nationen nicht
maximieren, sondern möglichst gering halten wollen. Ideen, Wissen,
Kunst, Gastfreundschaft, Reisen – solche Dinge sind ihrem Wesen nach
international. Doch Waren sollten, wann immer es vernünftig und
praktisch ist, hausgemacht sein; und vor allem sollten die Finanzen
überwiegend national bleiben.´
Wie Leopold Kohrs Geschwindigkeitstheorie
besagt, wächst mit der Beschleunigung auch die Masse. Eine
hunderttausend Menschen zählende Stadt bekommt während der
Stoßzeiten eine Massenwirkung einer 500 000-Menschen-Stadt. Die
Folge: Stadt-Staus. Als Beispiel brachte Kohr die Hinweistafeln bei
den Ausgängen von Kinos und Theatern: Langsam gehen, nicht laufen.
Während nämlich die Ausgänge beim Verlassen des Theaters völlig
ausreichen, werden sie infolge einer Feuergefahr und dem
beschleunigten Hinausstreben zu eng. Das heißt, wann immer Mengen
beschleunigt werden, wächst ihre Massenwirkung. Das trifft auf
Personen-, Waren-, Handels- und Geldmengen zu.
Zitat Kohr:
Da
überdies eine Beschleunigung der Geschwindigkeit schließlich dazu
führen muß, daß die Masse einer Bevölkerung schneller wächst als das
Tempo, mit dem der Fortschritt geeignete Lösungen zu bieten vermag,
hat der technische Fortschritt die Tendenzen, wenn ein bestimmter
Punkt überschritten ist, die Probleme der Überbevölkerung nicht nur
nicht zu ändern, sondern sie sogar zu erschweren. Aus diesem Grunde
scheinen Maßnahmen zur Abhilfe, wie sie heute in allen modernen
Großstadtgebieten üblich sind, unweigerlich mehr Probleme zu
schaffen als zu lösen. Das am häufigsten auftretende und für die
gegenwärtigen Fragen der Übervölkerung kennzeichnendste Problem sind
die Verkehrsstauungen, die von den meisten Planern dem Umstand
zugeschrieben werden, daß zu viele Menschen heute auf zu engem Raume
zusammenleben. Da sie das Problem quantitativ erklären und
dementsprechend anpacken, versuchen sie es durch mehr und bessere
Autobahnen, Einbahnstraßen, kreuzungslose Unter- und Überführungen,
größere Parkmöglichkeiten und so weiter zu lösen. Ergebnis? Nach
jeder Verbesserung sind die Verkehrsstauungen schlimmer als zuvor.
Da den betroffenen Menschen in all den
angesprochenen Bereichen immer deutlicher zu Bewußtsein kommt, daß
diese ªleeren Hülsen der Demokratie´ – Politiker nicht in der Lage
sind für sie zu arbeiten, sondern immer öfter und vehementer gegen
die Bevölkerung gearbeitet wird, lassen sich globalisierende
Strategien nur mehr technokratisch, also demokratiefrei durchsetzen.
Je größer politische Vereinigungen sind, desto demokratiefreier
können sie Strategien festlegen und realisieren, denn bis sich auf
demokratischem Wege Mehrheiten finden, die den Zug noch stoppen
könnten, ist er längst am Zielbahnhof. Und wieder gelangen wir zum
Thema der Abschaffung demokratisch legitimierter Politik durch
ökonomische Interessenverbände.
5. Die andere Alternative zum
Nationalstaat
Nach Untersuchungen des US-Politologen
Clark Abt aus Boston, haben Länder mit weniger als zehn Millionen
Einwohnern stärkere Demokratien mit mehr Bürgernähe. Sie seien auch
toleranter gegenüber Andersdenkenden. Ihre Abhängigkeit vom
Außenhandel mache sie nicht nur friedlicher, sondern auch
wirtschaftlich leistungsfähiger und wohlhabender. Die reichsten
Staaten Europas, die Schweiz, Island und Dänemark seien alle klein.
Und so banal und einfach wie es klingt ist es auch: Überschaubarkeit
ist ein uneinholbarer logistischer Vorteil. Verwaltung, legislative
Flexibilität, Bürgernähe, demokratische Willensbildung, Schaffung
wirtschaftlicher Nischen, Innovationsfreudigkeit und
Innovationsfähigkeit, Solidarisierung und Wohlfahrtsstaat sind
Strukturvorteile kleiner Staaten. Ein weiterer Vorteil ist der
Aufbau regionaler Wirtschaftskreisläufe, die die Wegekosten
dramatisch reduzieren. Die im Zuge der totalen Deregulierung
vordergründig günstigen Wegekosten über riesige Distanzen sind ja
nur ein Selbsttäuschungsmanöver.
Hermann Daly:
Weil der internationale Handel Kosten und
Nutzen der Umweltausbeutung räumlich voneinander trennt, lassen sie
sich schwer gegeneinander abschätzen. Dadurch werden die
Volkswirtschaften noch geneigter, über ihr optimales Maß
hinauszuschießen. Außerdem zwingt der Handel den beteiligten Ländern
strengere ökologische Beschränkungen praktisch gleichzeitig auf.
Andernfalls würde ein Land nach dem anderen damit konfrontiert: sie
könnten voneinander lernen, wie man den Durchsatz steuert, und
hätten mehr Kontrolle über ihre lokale Umwelt.
Verantwortliches Handeln ist nur in einem
Rahmen möglich, dessen Folgen überschaubar und beherrschbar sind.
Nachhaltig wirtschaften, also den Raubbau reduzieren und
umweltverträgliches Wirtschaften unterstützen, ist nur in
regionalen, lokalen Rahmenbedingungen umsetzbar. Denken Sie an die
Initiativen von Manfred Max Neef in Südamerika oder an Helena
Norberg Hodge in Ladakh. Im Kleinen sind Initiativen möglich, für
deren Realisierung in großen politisch-wirtschaftlichen
Vereinigungen kein kleinster gemeinsamer Nenner zu finden ist.
Leopold Kohr hat das Problem des künftigen
Europa vorausgesehen. Ein übermächtiges Deutschland bestimmt den Weg
Europas, kein mobiles Gleichgewicht bestimmt über mögliche
Zukunftswege dieses Gebietes, sondern stabile schwere
Gleichgewichte, einmal in Schwingung versetzt, sofort am Rande des
Zusammenbruches. Die Alternative zu einem Europa der Europäischen
Union war für Kohr immer schon ein Europa der Länder, also Bayern,
Baden-Württemberg, Salzburg, Kärnten, Friaul, Venetien, Lombardei,
Wales, Schottland, Tschechien, etc. Die Alternative zu den
Nationalstaaten ist nach Kohr ihre Aufteilung, eine Aufteilung in
machtpolitische Bedeutungslosigkeit, einzeln jede für sich zu
schwach zum Krieg zu führen. Dadurch aber auch kräftig genug, sich
auf Demokratie, Frieden, Wohlstand, kleinzelliges Wirtschaftsgefüge
zu konzentrieren.
Im Unterschied zu einem Rückwärtsgehen
empfahl Kohr aber die Gestaltung von Regionsverbänden, die
kontranationalistisch strukturiert wären, nach dem Vorbild der
Schweiz: Mehrsprachig und kulturell reichhaltiger als sprachlich
homogene Einzelregionen. Die Vision eines solchen Fortschrittes weg
vom Nationalstaatskonzept, weg aber auch vom Globalisierungskonzept
entfaltete Leopold Kohr in dem Jahrhundertbuch ªDas Ende der
Großen´. Das Kapitel, das sich in seinem Buch mit der
Umsetzungswahrscheinlichkeit seiner Vision beschäftigt, ist sicher
eines der kürzesten, seit Bücher geschrieben werden. Es enthält nur
ein Wort: NEIN. Die Teilung zu groß geratener Einheiten wird nicht
stattfinden, da die Verantwortlichen den Größenwahn huldigten und
eine durch und durch inflationäre Persönlichkeitsstruktur besitzen,
die sie in den Wert der Überschaubarkeit nicht mehr wahrnehmen läßt.
Und ich ergänze: Wer meint, mittels Globalisierung und Vereinigung
ließen sich die anstehenden Probleme besser lösen, leidet unter
einem Vernunftdefekt. Jeder vernünftige Mensch weiß, daß wenn er am
Abgrund angelangt ist, daß nur noch eine Form sinnvollen Handelns
übrigbleibt: Einen Schritt zurücktreten.
So hoffnungslos wie sich uns eine Fahrt
durch die Komplexität der politischen und wirtschaftlichen
Systemverflechtungen darbietet, ist die Lage aber nicht. Stellen Sie
sich vor: Ein Land, eine Region, eine Gemeinde, die für Millionen
ähnliche auf der Welt steht, die innerhalb ihres Rahmens das Muster
vorlebt, sprich: Nachhaltig wirtschaftet, kurze Wegezeiten, geringe
Wegkosten hat, politisch demokratisch strukturiert ist, mit einer
Menge an Abstimmungen, an denen jeder beteiligt ist, eine Gemeinde,
die flexibel auf Änderungen reagieren kann, eine Gemeinde, die einen
Teil ihrer Steuereinnahmen aus Pachterlösen als garantiertes
Grundeinkommen an seine Mitglieder ausschüttet. Eine wirtschaftlich
blühende Gemeinde mit wohlhabenden Mitgliedern, die Kaufkraft
besitzen, unabhängig davon, was und wie viele Bürger arbeiten, in
welcher der öffentliche Personennahverkehr zum O-Tarif obligat ist,
in der die Energieversorgung und Benutzung auf der Grundlage
erneuerbarer Energie geschieht und vieles mehr.
Das ist keine Utopie, es gibt viele Gemeinden und
Regionen, die das eine oder andere realisiert haben. Sobald eine
Mustergemeinde diese Vorzüge bündeln wird können, werden Gemeinden
auf der ganzen Welt diesem Beispiel folgen, diese Vision darf man
berechtigt haben.
Damit die
Teilrealisierungsschritte nicht unbeachtet bleiben, verleiht der
Right Livelihood Foundation jedes Jahr die sogenannten
Alternativ-Nobelpreise an solche vorbildhafte
Problemlösungspraktiken.
Es macht tatsächlich Sinn, solche
regionale Initiativen zu unterstützen, denn was werden Gemeinden und
Regionen tun, wenn globale Konstruktionen durch die Last, die auf
ihnen liegt, zusammenbrechen. Wer verfügt dann über realisierbare
Konzepte und mündige Bürger, die zur Umsetzung kurzfristig bereit
und fähig sind, und nicht auf Anweisungen von oben warten müssen,
die nicht mehr kommen, weil es kein Oben mehr gibt?
Leopold Kohrs Idee der Kleinheit ist
eigentlich das Ergebnis seines Menschenbildes. Er hält die Menschen
nicht für in der Lage, ihr Zusammenleben längerfristig friedlich zu
organisieren. Er hält die Menschen grundsätzlich für streitsüchtig
und konfliktträchtig, außer sie sind so weit voneinander entfernt,
daß die Streitsucht an der Distanz müde wird. Kohrs Idee kleiner
Einheiten bezieht sich auf die Wucht des Zusammenpralls. Und die ist
zwischen kleinen Einheiten naturgemäß geringer als zwischen großen.
Anhang
Bevölkerungsmasse und
Umlaufgeschwindigkeit
Leopold Kohr
1.
Nach der primitiveren Fassung der
Quantitätstheorie des Geldes ist die gesamte Geldmenge (G) gegen die
gesamte im Handel befindliche Gütermenge (H) austauschbar, denn die
einzige Marktfunktion des Geldes besteht darin, als Tauschmittel zu
dienen. Wird ohne entsprechende Vermehrung oder Verminderung der im
Handel befindlichen Gütermenge die Geldmenge verdoppelt oder
halbiert, muß auch der Preisspiegel (P) auf die doppelte Höhe
steigen oder auf die halbe absinken, da das gesamte Geld, weil es
nur die Funktion eines Tauschmittels hat, jederzeit gebraucht wird,
um sämtliche im Tauschwege angebotenen Waren zu kaufen. Folglich
läßt sich die primitive Quantitätstheorie durch die Formel
ausdrücken:
In dieser Formulierung steckt aber ein
kleiner Fehler. Für einen Dollarschein kann man nämlich nicht nur
Waren im Werte von einem Dollar kaufen. Jedesmal wenn der Geldschein
seinen Besitzer wechselt, ist er wieder einen Dollar an Waren wert.
Der Empfänger kann mit derselben Banknote sofort etwas anderes
kaufen und ebenso der Nächste und der Übernächste. Werden in einem
geschlossenen Gemeinwesen Waren im Werte von einer Million Dollar
gehandelt, so braucht man eine Million Dollar an Geld, falls jeder
Geldschein oder jede Münze einmal den Besitzer wechselt. Gehen sie
zweimal in andere Hände über, das heißt verdoppelt sich ihre
Umlaufgeschwindigkeit (U), braucht man jedoch nur $ 500.00, um
Abschlüsse im Werte von einer Million Dollar zu tätigen, und bei
einer Umlaufgeschwindigkeit von 10 nur noch $ 100.000.
Mit anderen Worten, eine Veränderung der
Umlaufgeschwindigkeit des Geldes ruft dieselbe Wirkung hervor wie
eine Veränderung der Geldmenge. Eine Inflation kann daher sowohl
quantitativ verursacht werden, das heißt durch Erhöhung der
Geldmenge, als auch qualitativ, das heißt durch Erhöhung der
Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Wenn das geschieht, zum Beispiel
im Falle einer Panik, würde eine Verknappung der Geldmenge keinerlei
hemmende Wirkung auf den Preisspiegel haben. Hier könnte nur die
Verabfolgung eines Massenberuhigungsmittels das die
Umlaufgeschwindigkeit des Geldes bremst, etwas ausrichten. Wegen der
quantitativen Wirkung der Umlaufgeschwindigkeit muß die Formel wie
folgt ergänzt werden:
2.
Interessant an dieser Quantitätstheorie
ist, daß sie grundsätzlich auch auf Bevölkerungsfragen anwendbar
ist. Denn so wie der Preisspiegel nicht nur auf Veränderungen der
Geldmenge, sondern auch auf Veränderungen der Umlaufgeschwindigkeit
reagiert, so kann sich die Masse einer Bevölkerung nicht nur infolge
einer Veränderung ihrer Zahl, sondern auch infolge einer Veränderung
ihres Tempos, der Geschwindigkeit ihrer Bewegung verändern.
Analog zur Quantitätstheorie des Geldes
können wir deshalb eine Quantitätstheorie der Bevölkerung
formulieren. Primitiv ausgedrückt besagt sie wiederum das
Selbstverständliche, nämlich, daß die Bevölkerungsmasse (M) durch
die Größe oder Zahl der Bevölkerung (B) im Verhältnis zu dem
verfügbaren Lebensraum (L) bestimmt wird. Ihre Formel lautet daher,
entsprechend der primitiven Formel der Geldtheorie:
M =
Wenn durch eine zahlenmäßige Vergrößerung
der Bevölkerung ihre Masse bis zur Überbevölkerung zunimmt, sind
somit zwei Lösungen möglich. Die eine besteht in einer Verminderung
von B durch Geburtenbeschränkung oder Auswanderung (wenn den von
Malthus genannten positiven hemmenden Kräften – Krieg, Hunger und
Seuchen – ihr makabrer Erfolg versagt bleibt, die andere in einer
Erweiterung von L entweder durch Eroberung (extensiv) oder durch
eine Mobilmachung der Technik intensiv). Da die Bevölkerungstheorie
niemals über diese primitive Formulierung hinausgelangt ist, konnte
auch bisher keine andere Lösung geboten werden.
Aber wie bei der Formel der Geldtheorie
ist auch in diesem Falle eine ergänzende Veränderung notwendig, wenn
die Formel sämtliche Kräfte berücksichtigen soll, die einen Druck
auf die Bevölkerungsmasse ausüben. Denn wie gesagt, kann die
Quantität einer Bevölkerung nicht nur durch einen Zustrom weiterer
Menschen größer werden, sondern auch durch die Zunahme des Tempos,
der ªUmlaufgeschwindigkeit´ der Bevölkerung. Aus diesem Grunde
müssen, um nur ein Beispiel anzuführen, Theater und Kinos
Notausgänge haben, obwohl für ein Publikum, das im gewöhnlichen
Tempo den Saal verläßt, die normalen Ausgänge vollkommen genügen
würden. Wenn sich jedoch die Bewegungsgeschwindigkeit unter dem
Eindruck der Angst verdoppelt oder in der Folge eine Panik
vervierfacht, dann ist die Wirkung dieselbe, als hätte sich das
Publikum selbst verdoppelt, vervierfacht oder mit irgendeinem
anderen Koeffizienten multipliziert. Da die Theater das Problem
quantitativ lösen, sorgen sie für mehr Ausgänge, als normalerweise
notwendig sind. Wäre die Zeit, die bei Notfällen zur Verfügung
steht, nicht so kurz, könnten sie das Problem auch qualitativ lösen.
Das wird auch stets versucht, indem die Zuschauer ermahnt werden,
bei Feuergefahr den Saal ruhig zu verlassen. LANGSAM GEHEN! NICHT
LAUFEN!
Nach der verbesserten Theorie, die wir,
weil sie die volumensteigernde Wirkung des Tempos betont, als
Geschwindigkeitstheorie der Bevölkerung bezeichnen können, wird die
Masse also nicht nur durch die Bevölkerungszahl bestimmt, sondern
durch Bevölkerungszahl mal ihrer Umlaufgeschwindigkeit im Verhältnis
zu dem verfügbaren Lebensraum. Die vollständige Formel müßte also
lauten:
3.
Das deutet darauf hin, daß es neben den
beiden ersten Lösungen, die aus der primitiven Formulierung der
Bevölkerungstheorie entwickelt wurden, noch eine bisher größtenteils
unbekannte dritte Lösung für Überbevölkerungsprobleme gibt, die
Verringerung der Geschwindigkeit, mit der die Menschen sich bewegen.
Die neue Möglichkeit ist besonders vielversprechend, nachdem die
beiden älteren Lösungen die Grenze ihrer Brauchbarkeit erreicht zu
haben scheinen. Die eine (territoriale Ausdehnung), weil selbst im
Zeitalter der Sputniks der Raum, der Überschußbevölkerung aufnehmen
könnte, nahezu erschöpft ist; die andere (technischer Fortschritt),
weil alles, was durch intensivere Ausnutzung der vorhandenen
Hilfsquellen an Lebensraum gewonnen werden kann, durch die
Begleiterscheinung des Fortschritts die bevölkerungsvermehrende
Wirkung der menschlichen ªUmlaufgeschwindigkeit´ wieder
verlorenzugehen droht:
Statt das Problem der Überbevölkerung zu
lösen, verändert der technische Fortschritt lediglich dessen
Charakter; er macht aus einem quantitativen ein qualitatives
Problem, er verwandelt ein Problem, bei dem es auf die Zahl der
Teilchen ankommt, in eines, bei dem Geschwindigkeit ausschlaggebend
ist. Da überdies eine Beschleunigung der Geschwindigkeit schließlich
dazu führen muß, daß die Masse einer Bevölkerung wächst als das
Tempo, mit dem der Fortschritt geeignete Lösungen zu bieten vermag,
hat technischer Fortschritt die Tendenz, wenn ein bestimmter Punkt
überschritten ist, die Probleme der Überbevölkerung nicht nur nicht
zu ändern, sondern sie sogar zu erschweren.
Aus diesem Grunde scheinen Maßnahmen zur
Abhilfe, wie sie heute in allen modernen Großstadtgebieten üblich
sind, unweigerlich mehr Probleme zu schaffen als zu lösen. Das am
häufigsten auftretende und für die gegenwärtigen Fragen der
Überbevölkerung kennzeichnendste Problem sind die Verkehrsstauungen,
die von den meisten Planern dem Umstand zugeschrieben werden, daß zu
viele Menschen heute auf zu engem Raume zusammenleben. Da sie das
Problem quantitativ erklären und dementsprechend anpacken, versuchen
sie es durch mehr und bessere Autobahnen, Eisenbahnstraßen,
kreuzungslose Über- und Unterführungen, größere Parkmöglichkeiten
und so weiter, zu lösen. Ergebnis? Nach jeder Verbesserung sind die
Verkehrsstauungen schlimmer als zuvor.
Verkehrsstauungen entstehen nämlich nicht
nur dadurch, daß viele Menschen auf einer bestimmten Fläche sind,
sondern wie Stauungen von Baumstämmen die stromabwärts geflößt
werden, auch durch die Geschwindigkeit der Bewegung. Und die
Geschwindigkeit wird natürlich durch den Bau neuer Verkehrswege
nicht vermindert, sondern erhöht. Diese Verkehrswege verlagern
vermutlich die Schwierigkeiten, aber sie beheben sie nicht – es sei
denn, man würde alle Ballungspunkte wie zum Beispiel Städte
beseitigen und die Menschen ihr ganzes Leben lang im Verkehrsstrom
halten.
Zahlenmäßig beläuft sich die
Einwohnerschaft New Yorks auf ungefähr acht Millionen. Mit ihrer
Tagesumlaufgeschwindigkeit multipliziert, hat sie aber, je nach
Tageszeit, die Masse einer Bevölkerung von zwanzig bis fünfzig
Millionen. Die Folge ist, daß dieselbe Stadt, die bei der
Umlaufgeschwindigkeit von ungefähr Null, wie sie nachts herrscht,
oder bei den niedrigen Umlaufgeschwindigkeiten in den späten
Abendstunden, Raum für alle hat, bei den hohen und immer höher
werdenden Tagesgeschwindigkeiten hoffnungslos unzulänglich ist. Es
gibt wenig Berichte, denen wir entnehmen könnten, daß das antike Rom
mit seinen zwei Millionen Einwohnern, aber einer selbst tagsüber
niedrigeren Umlaufgeschwindigkiet sehr unter Problemen der
Überbevölkerung zu leiden gehabt hätte. Eben so wenig war das bei
der wie in einem Bienenstock zusammengedrängten Bevölkerung der
mittelalterlichen Städte der Fall. Dagegen ist heute, im zwanzigsten
Jahrhundert, eine Mittelstadt wie New Brunswick (New Jersey) mit nur
40 000 Einwohnern, aber einer Tagesumlaufgeschwindigkeit, die ihre
Masse vielleicht verzehnfacht, tagaus tagein, vom Morgen bis zum
Abend, verstopft, und zwar nicht trotz, sondern wegen der Bemühungen
moderner Kommunalverwaltungen, den Verkehr mit allen Mitteln zu
beschleunigen, notfalls sogar indem sie ihre Städte Stück für Stück
abmontieren.
Weit davon entfernt, das Stauproblem der
Überbevölkerung abzuschwächen, sind technische Verbesserungen durch
ihren Beschleunigungseffekt auf das Lebenstempo daher gerade der
Grund, der zu seiner weiteren Verschlechterung beiträgt. Dazu kommt
noch, daß verbesserte Verkehrs- und Kommunikationsmittel auch eine
verbesserte Verwaltungstechnik nach sich ziehen, die auch ohne
zahlenmäßigen Zuwachs die Druckmasse der Bevölkerung durch die sich
nun ergebende gesellschaftliche wirtschaftliche Integrierung noch um
einen zweiten Grad vergrößert. Die ferner gelegenen und vielfach
autarken Stadt- und Staatsgebiete früherer Zeiten gaben hingegen
wenig Anlaß zu einer Verkehrsbeschleunigung, da kaum jemals eine
Führungsnahme mit der fernen Zentralbehörde erforderlich war. Das
änderte sich, als der technische Fortschritt sie näher an die
Verwaltungszentren heranbrachte und man ihnen besondere und eigene
Aufgaben im integrierten Rahmen ihrer nationalen Gesellschaften
zuweisen konnte. Mit zunehmender Integration nahmen nämlich auch die
Kontakte zu, mit zunehmenden Kontakten nahmen die Nachrichten- und
Verkehrsverbindungen zu und damit wieder die Umlaufgeschwindigkeit.
Und mit der zunehmenden Geschwindigkeit wuchs nicht die Zahl, wohl
aber die effektive Masse der Bevölkerung. Ein Provinzler, der früher
die Hauptstadt oder andere Städte vielleicht einmal in seinem ganzen
Leben besuchte, und zwar zu seinem Vergnügen, muß sie immer häufiger
geschäftlich besuchen, um Dinge in Ordnung zu bringen, die im
Verlauf der Zentralisierung durcheinander geraten sind. Und während
es für ihn und 9999 andere seiner Art aussieht, als besuchte er
Washington nur zehnmal im Jahr, verzeichnen die Washingtoner
Statistiken, die die gleichen Tatbestände festhalten, insgesamt
nicht 10 000, sondern 100 000 wirkliche Besucher mal ihrer
Umlaufgeschwindigkeit. Selbstverständlich müssen daher auch die
entsprechenden Unterbringungsmöglichkeiten nicht auf 10 000, sondern
auf 100 000 Menschen zugeschnitten sein.
4.
Da das heutige Problem der Überbevölkerung
größtenteils ein Problem der Umlaufgeschwindigkeit und nicht eine
Frage der tatsächlichen Bevölkerungszahl oder des Lebensraumes ist,
folgt daraus, daß man es nur dann erfolgreich lösen kann, wenn die
Abhilfemaßnahmen nicht auf Bevölkerung oder Lebensraum, sondern auf
den Geschwindigkeitsfaktor gerichtet werden. Wie aber kann der
vermindert werden in einer Zeit, da jede Erfindung und Maßnahme eine
Beschleunigung zu bezwecken scheint?
Die Antwort ist nicht schwierig, wenn wir
erst einmal festgestellt haben, warum der Mensch von heute sich in
einem Tempo bewegt, das gleichzeitig die Masse vergrößert. Wegen der
Autos? Gewiß! Aber Autos sind in erster Linie Fortbewegungsmittel,
nicht -ursache. Die Hauptursache für die Beschleunigung der heutigen
Bewegung ist der Zwang, Entfernungen – ich möchte sie technologische
Entfernungen nennen – zu überwinden, die nicht durch die
Notwendigkeit, sondern durch die Werkzeuge der sozialen Existenz
geschaffen wurden. Dazu kann man die wachsende Entfernung zwischen
Entfernung zwischen Wohnung und Arbeitsstätte rechnen, die unsere
schnellen Verkehrsmittel ermöglichen; die wachsende Entfernung
zwischen den Fabriken, die Einzelteile herstellen, und Fabriken für
den Zusammenbau, eine Folge der wachsenden Spezialisierung; die
wachsende Entfernung zwischen Hersteller und Verbraucher, zwischen
Wohnort und Behörden, zwischen Heimen und Markt, Heim und Schule,
Heim und Theater, Heim und Gaststätte. Je weiter diese Entfernungen
werden, desto größer wird das soziale Tempo, um so mehr, da die
meisten Menschen in der Regel nicht nur eine, sondern mehrere dieser
Entfernungen Tag für Tag überbrücken müssen. Deshalb wachsen
Verkehrsstockungen, Menschenmassen, Unfälle und andere Probleme der
Überbevölkerung in geometrischer Progression mit jeder
arithmetischen Zunahme der Entfernungen, die zu überwinden sind.
Aus diesem Grunde ist die Lösung des
heutigen Überbevölkerungsproblems im Gegensatz zu früheren
paradoxerweise nicht in einer Ausweitung, sondern in einer
räumlichen Verkleinerung zu suchen. Während die Expansion, deren
Zeugen wir in den immer weiter wuchernden Großstädten sind, die
physikalische Masse verringert, indem sie eine Bevölkerung (B) über
einen größeren Lebensraum (L) verteilt, erhöht sie gerade dadurch,
und zwar überproportional, die Geschwindigkeitsmasse, indem sie den
weiteren Lebensraum nun mit größerer Geschwindigkeit (U) belastet.
Deshalb bewirkt kommunale Ausweitung von einem bestimmten Punkt ab
mehr Bürden als Vorteile. Andrerseits verstärkt eine Zusammenziehung
zwar die physikalische Masse kommunaler Sammelpunkte durch die
Verengung von L, vermindert aber die Gesamtmasse (M) durch den
überproportionalen Verringerungseffekt auf die
Geschwindigkeitsmasse. Theoretisch könnte man die Geschwindigkeit
natürlich auch durch gesetzliche Geschwindigkeitsbegrenzungen
herabsetzen, die schließlich die Bevölkerungen ebenfalls
physikalisch eng zusammenziehen würden. Einfach weil sie es sich bei
niedrigen Geschwindigkeiten nicht erlauben könnten, so weit entfernt
zu wohnen. Aber praktisch scheint die einzige zuverlässige Methode
nicht die Beschränkung der Geschwindigkeit zu sein, sondern die
Beseitigung des Motivs für eine unnötig große Geschwindigkeit durch
Beseitigung technologischer Entfernungen.
Um das zu erreichen, muß man den Menschen
vor allem das Motiv zum ªPendlerverkehr´ nehmen, indem man sie davon
überzeugt, daß es vernünftiger und zugleich moderner ist, zu WOHNEN
WO MAN ARBEITET UND ZU ARBEITEN WO MAN WOHNT, statt kostspielige
Prestige-Schlafstätten in Vororten zu unterhalten. Ist das erst
einmal zur Selbstverständlichkeit geworden, verschwindet die
verschwenderischste aller technologischen Entfernungen, auf deren
Konto vielleicht siebzig Prozent der heutigen Verkehrsstauungen und
Straßenverstopfungen kommen. Aber die ªPendler´ sind nur eins der
für die heutige Übermasse verantwortlichen Bewegungsgründe. Auch
andere Dinge als nur der Arbeitsplatz müssen in Entfernungen
zurückgebracht werden, die man zu Fuß erreichen kann: Opern, Museen,
Universitäten, Cafés und ähnliche Annehmlichkeiten der sozialen
Existenz, die man zur Zeit nur mit kostspielig schnellen
Verkehrsmittel erreichen kann. Darum gibt es auch so wenige Theater.
Nicht etwa weil kein Interesse dafür vorhanden wäre oder man sich
den Eintritt nicht leisten könnte, aber da ihr Einzugsgebiet in den
USA, z. B. zwanzig bis dreißig Millionen Menschen umfaßt, die über
Tausende von Quadratkilometern verteilt sind, ist einfach der Preis,
dorthin zu gelangen, zu hoch. Wenn aber erst jede Stadt von etwa
30 000 Einwohnern ihren Bürgern diese Einrichtungen bietet, ohne daß
technologische Entfernungen überwunden werden müßten, würden diese
Bürger bald sagen, wenn man ihnen Reisen nach Paris oder Mailand
anböte: ªWozu? Was könnte ich dort finden, das ich nicht billiger in
meiner eigenen Stadt haben könnte?´ Das wird sich sofort in einer
ganz erheblich nachlassenden Überfüllung bemerkbar machen. Man wird
wieder Plätze in der Oper bekommen, ohne sie in ein halbes Jahr
vorher bestellen zu müssen, und Besuche in Museen und Galerien
werden nicht mehr durch barbarische Stoßtrupp-Invasionen von
Touristenhorden unterbrochen werden. Die einzige Frage ist: Könnten
kleinere Städte die Summen aufbringen, die notwendig sind, um
Theater oder Universitäten eines Ranges zu unterhalten, der das
Reisemotiv wirksam verringern würde? Antwort: Keineswegs, solange
ihre Bürger Unsummen ausgeben müssen, wie sie heute für die
Unterhaltung von Straßen, Autos und anderen Instrumenten eines
integrierten Lebens der großen Entfernungen und weiten Flächen
erforderlich sind. Wenn aber die Geschwindigkeitsausgaben, die durch
rein technologische Entfernungen verursacht werden, und deutschen
Städte früherer Jahrhunderte bewiesen haben – selbst verhältnismäßig
kleine Städte sich nicht nur erstklassige Theater, Universitäten und
Kunstsammlungen leisten könnten, sondern noch viele andere Dinge
dazu, wie herrliche Kathedralen, Parks und marmorbelegte Straßen,
Brunnen, Schwimmbecken für Pferde und wer weiß was. Die langsamen
mittelalterlichen Städte haben das alles zustande gebracht.
Die Verminderung der
sozialen Bewegung und ihre Beschränkung auf Geschäfts-, Urlaubs- und
Abenteuerfahrten würde also nicht nur eine soziale, sondern auch
eine unerwartete kulturelle Folge haben. In erster Linie würde sie
zu einer bedeutenden Verminderung der effektiven Bevölkerungsmasse
führen, wodurch eines der drückensten Probleme der Gegenwart
gemildert würde. Und zweitens würde dadurch der Stadt ihre
ursprüngliche Aufgabe zurückgegeben, ein Sammelpunkt der Muße, des
Denkens, der Eleganz und der Kultur zu sein. Um die
Geschwindigkeitstheorie aber zu einem Werkzeug der Politik zu
machen, genügt es nicht, daß man sie einfach aufstellt. Ihre
Varianten müssen von Mathematikern auf eine genaue Formel gebracht
werden, und Bewegungen wie die durch Pendlerverkehr, Vergnügungen,
kulturelle und geschäftliche Anlässe verursachen müssen statistisch
gemessen werden, ehe man auf Grund der Geschwindigkeitstheorie Pläne
ausarbeiten kann. Das würde aber über den Rahmen dieser Skizze
hinausgehen, in der es uns darauf ankam, ein Problem zu umreißen,
nicht aber es zu lösen |