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Slow is beautiful - Langsam ist schön

Die Fülle technischer Neuerungen und Möglichkeiten zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat große Erwartungen, Hoffnungen auf ein neues Leben, eine neue Lebensform, ein neues Lebensgefühl geweckt. Das Abstreifen tradierter Werte, Normen, Lebensformen, Verhaltensnormen, wurde als Befreiung von unbrauchbarem Ballast empfunden und die Begeisterung, die diesen Aufbruch ins neue Jahrhundert begleitete, wurde von einer Künstlergruppe, den Futuristen, auch in einem Manifest und zahlreichen ergänzenden Texten ausformuliert. Es ist die Verherrlichung der Geschwindigkeit und der Technik, mit der dieses Tempo produziert werden kann.

"Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen ... ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake." (aus: "Wir setzen den Betrachter mitten ins Bild. Futurismus 1909-1917"; Ausstellungskatalog der Städtischen Kunsthalle Düsseldorf, 1974)

Doch neben der Verherrlichung von Geschwindigkeit und Beschleunigung, von Technik und einer durchmaschinisierten Gesellschaft wurden auch Krieg und Chauvinismus verherrlicht.

"Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte!... Warum sollten wir zurückblicken, wenn wir die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen wollen? Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen.

Wir wollen den Krieg verherrlichen - diese einzige Hygiene der Welt - den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes."(ebd.)

In diesen Sätzen des "Manifest des Futurismus", das in Paris im Jahre 1909 veröffentlicht wurde, formulierten die Futuristen zentrale Werte des beginnenden 20. Jahrhunderts in unverfälschter, ja geradezu naiver Weise. Zentrale Werte, wie den ungestümen, nicht zurückblickenden (traditionsvernichtenden) Fortschritt, die Auflösung traditioneller Formen von Raum und Zeit und das Absolutum der Fortschrittsreligiosität: die Schnelligkeit. Die Ideale der französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sollten nun mit Hilfe von Technik und Maschinenwelt schnell, so schnell wie noch nie, verwirk-licht werden. Die Ungleichheit, die Unfreiheiten und die alles andere als brüderliche Gesellschaft, in der Wenige fast alles und fast Alle nichts besaßen, sollte durch eine Maschinisierung Europas verändert werden.
Die technischen Entwicklungen faszinierten die Menschen, die Automobile, Industrieanlagen, Dampfloken und später die Flugzeuge kündeten den Aufbruch in diese neue, heilversprechende Zeit und jeder wollte, daß diese Zeit schnell anbricht. Jede Fabriksgründung, jedes Autorennen, jedes Flugzeug am Himmel, jeder rauchende Schlot einer Fabrik, die Sirenen der Eisenbahn, ja sogar der Krieg faszinierte die Menschen als Abbild einer Wunderwelt technischer Möglichkeiten.

"Wenn wir eine moderne Großstadt mit aufmerksameren Ohren als Augen durchqueren, dann werden wir das Glück haben, den Sog des Wassers, der Luft oder des Gases in den Metallröhren, das Brummen der Motoren, die zweifellos wie Tiere atmen und beben, das Klopfen der Ventile, das Auf und Ab der Kolben, das Kreischen der Sägewerke, die Sprünge der Straßenbahn auf den Schienen, das Knallen der Peitschen und das Rauschen von Vorhängen und Fahnen zu unterscheiden. Wir haben Spaß daran, den Krach der Jalousien, der Geschäfte, der zugeworfenen Türen, den Lärm und das Scharren der Menge, die verschiedenen Geräusche der Bahnhöfe, der Spinnereien, der Druckereien, der Elektrizitätswerke und der Untergrundbahnen im Geiste zu orchestrieren".(ebd.)

Die Autosuggestion der Beschleunigung, der Lust an Maschinenlärm und Geschwindigkeit stellt sich hier in ihrer eschatologischen Dimension ein. Die Erlösung sollte in Form von Arbeit für alle, Wohlstand für alle, Freiheit und Gerechtigkeit, nicht nur in Europa, sondern für alle Völker dieser Welt, auftreten. Das war das Ziel dieses rasenden und eben schnellen Aufbruches in ein vorwiegend durch Wissenschaft und Technik bestimmtes Zeitalter. Mit missionarischem Eifer wurde diese Botschaft der Schnelligkeit in die Welt getragen und Kulturen, die sich trotz der bisher stattgefunden habenden Kolonisierungsschübe immer noch anderen Werte verpflichtet fühlten, galten in den Augen der Schnelligkeitsapostel als hoffnungslos unzivilisiert und bei willigen Regierungen, die bereit waren wertvolle Rohstoffe gegen "Glasperlen" zu tauschen, als zum Fortschritt bekehrenswert ("Eine zynische, schlaue und aggressive Außenpolitik - koloniale Expansionspolitik - freie Wirtschaft"; ebd.).

Heute, am zu Ende gehenden 20. Jahrhundert sehen wir die Folgen dieses Fortschrittes, die Folgen der Geschwindigkeit, der Schnelligkeit, der Auflösung von Zeit und Raum. In der frühen Zeit dieses Jahrhunderts wurden Produktionsmassen in Bewegung gesetzt, die heute noch nicht zum Stillstand gekommen sind und einige von ihnen haben sich so verselbständigt, daß kein Mensch mehr sagen kann, wie sie sich jemals werden beruhigen lassen.
Autofluten ergießen sich über diesen Planeten, die Städte und Länder sind mit Asphalt- und Betondecken versiegelt, Massen an Abgasen machen der Meeresverdunstung ernsthaft Konkurrenz. Massen an Maschinen dröhnen Tag und Nacht, die Lärmverschmutzung macht nicht vor den entlegendsten Winkeln halt, und wer im Gebirge die Stille sucht, findet den Donner des Flugtransits, der inzwischen die ganze Welt umspannt. Die Ozonlöcher werden größer und größer, man rechnet mit hunderttausenden, die jetzt schon deshalb an Hautkrebs erkranken und sterben werden, und wie gebannt blickt man auf die ent-scheidungsunfähigen Politiker, die den Autoverkehr und die FCKW´s reduzieren wollen, obwohl diese Stoffe beim Aufstieg zur Ozonschicht wenigstens noch durch die "Wetterküche" müssen und so zum Teil noch ausgewaschen werden können. Der Flugverkehr bewegt sich hauptsächlich darüber, und die zig-Millionen Tonnen Abgase der Jets greifen die Ozonschicht direkt an. Hier hat sich die technokratische Praxis vor Eingriffsmöglichkeiten der Betroffenen bereits zuverlässig geschützt: Die besonders vom Flugtransit betroffenen Länder (etwa: stärkeres Abschmelzen der Gletscher durch Verrußung infolge der Jet-Abgase) werden auf die Rechtsebene verwiesen, die den internationalen Flugraum bewertet, und gültiges Recht, als Recht die Atmosphäre zu verschmutzen, entlarvt. Mit diesem Recht auf Umweltverschmutzung läßt sich der Flugtransit in den nächsten zehn Jahren mühelos verdoppeln, ohne daß jemand diesen vorsätzlichen Angriff auf die Ozonschicht verhindern könnte. Was aber wäre unser Jahrhundert ohne den Flugverkehr, der doch die Mobilität, ein anderes "geheiligtes" Wort der Beschleunigungs-Zivilisation, so drastisch erhöht.

Die Fülle der Bewegungsmittel wurde um die Fülle der Zerstörungsmittel ergänzt, sodaß die Kriege aufwendiger, zerstörerischer, grausamer und abstrakter wurden. Kein Knopfdruckpilot sieht mehr die Opfer, die um Leben flehend ihre Arme gegen den Himmel heben. Das Energiezeitalter, die Stromwirtschaft haben die Effizienz der Zivilisationsmaschine noch deutlich erhöht. Ohne Energiewirtschaft geht heute gar nichts mehr und es werden auch nur jene Länder als zivilisiert betrachtet, die über einen nicht geringen Energieumsatz verfügen. In der Fortschrittsreligion wurde die Atomkraft schließlich als Eintritt ins Energieparadies betrachtet, doch hat sich die Büchse der Pandora mehr als einmal geöffnet, und ließ zuviele auf das teuflische Feuer und seine tausendjährigen Folgen blicken. Das stört die Hohepriester der Atomlobby wenig, ihr fortschrittsreligiöser Fanatismus bedrängt die vorsichtig gewordenen Politiker umso heftiger, je öfter die Meldungen über den Treibhauseffekt in den Medien auftauchen: Atomkraft erzeuge kein Kohlendioxid und sei deshalb die beste Option, das Energieparadies zu erreichen. 4 Billionen Dollar sollten weltweit bereitgestellt werden, um weitere 2000 Atomkraftwerke zu bauen und die ganze Welt ins Energieparadies einzubinden.Da die Verantwortlichen wissen, daß sie das Risiko eingehen, die Welt radioaktiv auf Generationen hin zu verseuchen, handeln sie nicht nur unverantwortlich, sondern kriminell, da sie die Gesundheitsschädigung von Millionen in Kauf nehmen.

Die Müllberge wachsen unaufhörlich und der Müll- und besonders der Sondermülltourismus in die dritte Welt gilt als Profitschlager. So erhalten die ausgebeuteten Dritte-Welt-Länder das, was nach restloser Verwertung wertvoller Rohstoffe als Gefahrenmüll übrigbleibt, wieder retour. Doch auch andere Überproduktionen dieser überentwickelten Zivilisation bringen Sorgen und Nöte auf uns zu: Fleischberge, Milchmeere, Buttergebirge, Autohalden oder sogar Atomraketen, von denen abrüstungswillige Politiker nicht wissen, wie diese Unmengen überhaupt zu beseitigen sind, da es doch noch kein einziges sicheres Endlager für atomaren Müll gibt, und wenn die Fässer erst einmal auf Schiffe verladen werden, wer wollte diese rund um die Uhr zuverlässig überwachen?
Entfesselt, ja völlig hemmungslos haben sich die Werte des Wachstums, Fortschritts und der Geschwindigkeit über den ganzen Planeten ausgebreitet, die willigen Kulturräume vereinnahmt und die unwilligen an den Rand der Existenz gedrückt oder ausgerottet. Übrig bleibt, mit wachsender Geschwindigkeit, eine Monokultur, deren Werte immer noch dieselben sind, wie sie im Manifest des Futurismus formuliert wurden.

Das Denken der Beschleuniger dreht sich um immer neue Kurzfristigkeiten, wer sich über mittelfristige Folgen und Wirkungen Gedanken macht, gilt als Hemmschuh und wer vor langfristigen Folgen warnt, muß aufpassen, nicht als Menschenfeind in Verruf zu kommen.
Doch noch verbietet niemand den Blick auf solche Folgen, und selbst das könnte sich bald ändern. In einer neuen Weltordnung, einem globalen Sicherheits- und Überwachungssystem, das Gerechtigkeit, Friede und Freiheit sichern soll, sind Warnungen vor den Folgen des zu schnellen Lebens und Werkens Verunsicherungen, belasten die Bevölkerung mit Ängsten, könnten Protest und Widerstand gegen die globale Monokultur hervorrufen und sind damit gefährliche Unsicherheitsfaktoren. Darum werden solche Warnungen auch verboten werden. Sie behindern freies Wirtschaftswachstum, freien Waren- und Tourismusverkehr und ein rundherum sicheres Gefühl, daß es immer so weitergehen wird wie bisher. Zentrale Zensurbehörden werden Daten über die zunehmende Geschwindigkeit des Artensterbens relativieren, ebenso wie Daten über den Zustand der Fließ- und Grundwässer, des Bodens, der Meere, der Luft. Und sollten infolge undichter Informationstellen regionale Daten regionale Bevölkerungen verunsichern, werden die Grenzwerte flexibel so definiert werden, daß die angeblich spektakulären Meßdaten "weit unter den vorgeschriebenen Grenzwerten" zum Erliegen kommen.

Auch die Hauptwohngebiete der Menschen, die Dörfer und vor allem Städte, haben sich dem Diktat der Mobilität und Geschwindigkeit gebeugt. Der Siegeszug der Eisenbahn wurde zwar vom Siegeszug des Automobils überholt und abgehängt, wie bedeutsam aber deren Möglichkeiten eingeschätzt wurden, zeigt sich daran, daß ganze Stadtkerne den großen Bahnhöfen weichen mußten. Die Architektur der verkehrsgerechten Stadt wurde ebenfalls vom Futurismus herbeigewünscht.
"Wir müssen die futuristische Stadt wie einen riesigen, lärmenden Bauplatz planen und erbauen, beweglich und dynamisch in allen ihren Teilen, und das futuristische Haus, wie eine gigantische Maschine. Die Aufzüge dürfen sich nicht wie einsame Würmer in die Treppenhäuser verkriechen, sondern die Treppen, die überflüssig geworden sind, müssen abgeschafft werden, und die Aufzüge müssen sich wie Schlangen aus Eisen und Glas an den Fassaden hinaufwinden. Dieses Haus ohne Zement, Glas und Eisen, ohne Malerei und Skulpturen, das nur die angeborene Schönheit seiner Linien und seiner Formen ziert, das außerordentlich häßlich in seiner mechanischen Einfachheit und so hoch und so breit wie erforderlich ist, nicht wie es die Vorschriften der Baubehörde befehlen, dieses Haus muß sich am Rande eines lärmenden Abgrundes erheben: der Straße, die sich nicht mehr wie ein Fußteppich auf dem Niveau der Portierslogen dahinzieht, sondern die mehrere
Geschoße tief in die Erde hinabreicht, und diese Geschoße werden für die erforderlichen Übergänge durch Metall-Laufstege und sehr schnelle Rolltreppen verbunden sein." (ebd.)

War die mittelalterliche Stadt noch der Inbegriff architektonischer, dem Menschen angepaßter Glanzleistungen, in denen Begegnung, Gespräch, Stadtteilkultur, die hervorragenden Qualitätsmerkmale waren, die zu-Fuß-begehbare-Stadt Voraussetzung für gewachsene und überliefernswerte Sozial- bzw. Interaktionsstrukturen bildete, so degradiert die autofreundliche Stadt den Fußgänger zum unliebsamen Außenseiter. Die Durchtechnisierung und Übermaschinisierung des Stadtlebens verwirklichte zwar die futuristischen Visionen, sie erscheinen aber heute nicht als Segnungen und hoffnungsvolle Zukunft, sondern als Fluch und Alptraum. Die Geschwindigkeit und Mobilität hat uns kein Mehr an Lebensqualität gebracht, sondern diese letztendlich ganz wesentlich beschnitten.

"Dem Versagen der modernen Technik liegt ein Trugschluß zugrunde, der den Kern der ganzen damit zusammenhängenden Ideologie trifft: die Vorstellung nämlich, daß Kraft und Schnelligkeit als solche erstrebenswert seien und daß der modernste Typ des Schnellverkehrsmittels jede andere Form von Verkehr ablösen müsse. In Wirklichkeit sollte die Schnelligkeit der Fortbewegung eine Funktion des menschlichen Zusammenlebens, d.h. der menschlichen Bestimmung sein. Will man auf einem Spaziergang in der Stadt andere Menschen treffen und mit ihnen plaudern, dürften fünf Stundenkilometer zuviel sein; eilt ein Chirurg zu einem Patienten, der fünfzehnhundert Kilometer entfernt wohnt, so mögen fünfhundert Stundenkilometer zuwenig sein. Unsere Verkehrsfachleute werden aber durch ihre eigenen Grundsätze daran gehindert, zu erkennen, daß es unmöglich ist, ein ausreichendes Verkehrswesen nur mit einer einzigen Art von Fortbewegung zu schaffen, was immer deren theoretische Geschwindigkeit sein mag.
Ein brauchbares Verkehrsnetz erfordert eine größtmögliche Zahl von verschiedenen Verkehrsmittel mit verschiedener Geschwindigkeit, verschiedenem Ausmaß und verschiedenen Aufgaben und Funktionen. Will man hunderttausend Menschen bewegen, die innerhalb eines begrenzten städtischen Gebietes von etwa einem Kilometer Durchmesser wohnen, so geht das am schnellsten zu Fuß; am langsamsten geht es, wenn man sie alle in Autos stecken wollte. Die gesamte Bevölkerung der Altstadt von Boston könnte sich wahrscheinlich in weniger als einer halben Stunde zu Fuß auf Bosten Common versammeln, wenn keine Autos auf den Straßen führen. Beförderte man sie in Autos, so würde das viele Stunden dauern, und wenn sie ihre Fahrzeuge, für die es keine Parkplätze gibt, nicht verließen, würden sie nie an ihren Bestimmungsort gelangen.
Unsere Straßenbauer und städtischen Behörden sind von der Popularität des Privatautos hypnotisiert und fühlen sich verpflichtet, die Autofabrikanten auch dann zu fördern, wenn allgemeines Chaos die Folge ist. So haben sie sich verschworen, alle die vielfältigen Transportmittel abzubauen, die für ein gutes Verkehrswesen nötig sind, und haben unsere Bewegungsmöglichkeiten auf das Privatauto (zum Vergnügen, zur Beförderung, fürs Geschäft) und auf das Flugzeug beschränkt. Sie haben sogar Parallelstraßen zu Eisenbahnlinien gebaut und alle Fehler der frühen Eisenbahningenieure wiederholt, haben dabei in den Großstädten eine Bevölkerung angehäuft, mit der das Privatauto nicht mehr fertig wird, sofern man nicht die Stadt ruiniert, um Abstellen und Bewegungsfreiheit der Autos zu sichern.
Hätten die Fachleute in Technik und Verwaltung ihr Geschäft verstanden, so hätten sie bessere Vorkehrungen getroffen, um bessere Massenverkehrsmittel bereitzustellen und dadurch sowohl den Fortbestand der Stadt als auch die am wenigsten zeitraubende Benutzung anderer Verkehrsmittel zu gewährleisten. Will man ein vollständiges städtisches Gebilde schaffen, das voll funktionsfähig ist, so muß man für jede Art von Verkehr angemessene Wege finden. Lediglich die planmäßige Gliederung in Fußgängerverkehr, Durchgangs-straßen, Lokalstraßen, Avenuen, Schnellstraßen und Flughäfen kann den Bedürfnissen eines modernen Gemeinwesens genügen. Mit weniger kommen wir nicht aus.
Indem wir dem Lastwagen im Fernverkehr vor der Eisenbahn den Vorzug gegeben haben, haben wir einen sicheren und leistungsfähigen Dienst durch einen gefährlichen und weniger leistungsfähigen ersetzt. Wollen wir unser Straßennetz verbessern, so sollten wir darauf bedacht sein, einen möglichst großen Teil des Güterverkehrs auf den Schienen zu transportieren. Nicht zuletzt deshalb sollten wir der Eisenbahn den Personen- und Güterverkehr, zumal den Massenverkehr, erhalten, damit wir den Privatwagen auf den Landstraßen Bewegungsfreiheit verschaffen. Ebenso müssen wir, wenn die Schnellstraßen, die wir um unsere Städte angelegt haben, als solche funktionieren sollen, die Fernstraßen verbessern und verbreitern, nicht aber etwa verschwinden lassen.
Das einzige wirksame Heilmittel gegen die Verstopfung der Städte besteht darin, daß man die Industrie- und Geschäftszonen so mit den Wohngegenden verbindet, daß ein großer Teil des Personals zu Fuß oder zu Rad zum Arbeitsplatz gelangen oder einen Autobus oder eine Eisenbahn benutzen kann. Wenn wir alle Arten von Verkehr auf die schnellen Autostraßen drängen, belasten wir diese dermaßen, daß man zu den Hauptverkehrszeiten nur noch schleichend vorankommen kann. Versuchen wir dem abzuhelfen, indem wir mehr Autostraßen bauen, so zertrümmern wir die Stadt nur noch weiter, weil wir Teile von ihr immer weiter hinausschleudern und in eine dünne Decke aus halbstädtischem Gewebe verwandeln." ( aus: Lewis Mumford. "Die Stadt. Geschichte und Ausblick", München 1984, S. 592 f.)

In diesem Bild der autogerechten Stadt und des geschwindigkeitsgerechten Lebens zeigt Lewis Mumford die Entwicklungsdynamik und Ausweglosigkeit planerischen Handelns. Sie führt, wie Mumford zeigen kann, zu einem Anwachsen der Großstädte und schließlich durch das Anwachsen der Vorstädte dieser Großstädte zu einem Zusammenwachsen von Städten, zur Conurbation. In dieser uns noch bevorstehenden Entwicklungsphase hat sich die Geschwindigkeitsreligion verewigt als verbautes Stadt- und Straßennetz, das über hunderte Kilometer reichen kann und alles unterschiedslos aneinanderreiht.
In diesem Stadium des Größen- und Mobilitätswahns ist die Spezies des Fußgängers chancenlos. Sie wird abgeschafft werden. Im Entwicklungsstadium der Conurbation ist der Energiebedarf ungeheuer und erfordert zentrale Stromversorgungsunternehmen, zentrale Verwaltungen, zentrale Organisationsstrukturen. "Wer gegen Atomkraftwerke demonstriert, sollte zuerst gegen große Staaten demonstrieren, denn diese brauchen die Atomkraft" (Leopold Kohr). An diesem Punkt der menschlichen Entwicklung angelangt wird eine hochgerüstete technokratische Weltzivilisation den Weg der Selbstzerstörung unumkehrbar eingeschlagen und festgeschrieben haben.
Da durch immer weitere Beschleunigung ganz unterschiedlicher Problembereiche deren Masse zunimmt, hinken Problemlösungsstrategien zunehmend hinterher. Die Geschwindigkeit des Wachstums an regionalen, nationalen, vor allem aber internationalen Problemen hat die Möglichkeit von deren Lösung überholt und hoffnungslos abgehängt. Es ist nicht nur ein zentrales Problem großer Einheiten, es ist zugleich ein Problem der Geschwindigkeit und Beschleunigung. Wenn staatliche, wirtschaftliche oder wissenschaftliche Institutionen eine kritische Größe erreichen und überschreiten, wenn ihre Verwaltung mehr Probleme produziert als sie zu lösen imstande ist, dann sorgt die kritische Geschwindigkeit dafür, daß Änderungen an der kritischen Größe nicht mehr greifen können, da die Geschwindigkeit des Größenwachstums sich von der Anwendung möglicher Änderungsstrategien abgekoppelt hat.

Umgekehrt können große Staaten, Wirtschaftsblöcke, wissenschaftliche Vereinigungen und Städte ihr Überleben wenigstens hinauszögern, wenn die Gesamtmobilität gering gehalten wird. Eine Millionenstadt, in der es keine Privatautos gibt und das Leben weitgehend zu Fuß, per Rad oder per öffentlichem Verkehrsmittel organisiert werden kann, wird keine Stoßzeiten erleben, in denen sich die Massenwirkung der Stadt vervielfacht und den Verkehr stundenweise zum Erliegen bringt.

Die Verkleinerung und Verlangsamung sozialer Einheiten kann Probleme und deren Dynamik verringern helfen, obwohl sie diese nie ganz beseitigen können wird. Es wird immer Streitereien und Kriege geben, aber sie können zwischen Kleinstaaten niemals so monströse Ausmaße an Elend und Unglück annehmen wie zwischen Großstaaten oder gar Machtblöcken.
Erst die Geschwindigkeitsverminderung, die Erkenntnis, daß Geschwindigkeit und zunehmende Beschleunigung keine langfristig begründ- und rechtfertigbaren Werte für das menschliche Leben sein können, bringt bereits verselbständigte Bereiche des wissenschaftlich-technisch geprägten 20. Jahrhunderts wieder in den Horizont und die Reichweite menschlicher Verantwortbarkeit, Überschaubarkeit und Lösbarkeit.

Wir müssen, um unsere und andere Kulturtraditionen vor ihrer rückstandslosen Auflösung zu schützen, der erfahrbaren Lebenszeit und dem natürlichen Lebensraum unsere Aufmerksamkeit und unsere Lebenssinngestaltung zuwenden. Vor lauter reisen, pendeln und rasen entgeht uns die unmittelbare Nähe und wir verlieren die Fähigkeit ihren Wert für unser tägliches Leben zu nutzen. Im Verharren, im Genuß eines gedehnten Augenblickes erfahren wir den Wert von Dauer. Im sich Zeit Nehmen und jemandem seine Zeit Schenken treten Lebensqualitäten ein, die keine Hast uns bieten kann. In der bedächtigen und konzentrierten Arbeit, die zwanglose und unregelmäßige Pausen (für Gespräche und Begegnungen) als Kontrast und Erholung braucht, reift der Blick für Güte und Wert eines Werkes. Fülle an Lebenszeit und Lebensraum heben den erlebbaren Wert der Tugend Geduld. Belohnte Geduld gibt mehr, als sie zunächst zu nehmen scheint, mehr als hastig erreichte Ziele. Sie zerrinnen zwischen gierig geöffneten Händen, denen alles vermeintlich schnelle Glück in Wahrheit nur Leere und Hast nach weiteren Zielen bringt. Im überschaubaren, erlebbaren Rahmen des menschlichen Tun und Lassens sind Verantwortung und Zuversicht, ebenso wie Hoffnung keine leeren Schlagwörter, sondern Zeichen tatsächlicher Fähigkeiten. Aus der Ruhe heraus gewinnt der Sturm (und echte Gefühle) erst seine Wucht. Und selbst diesen Sturm braucht ein erfülltes Leben.

Für die Formulierung und wissenschaftliche Ausarbeitung der zentralen Wertmaßstäbe "small is beautiful" und "slow is beautiful" wurde der Nationalökonom und Philosoph Leopold Kohr von Wissenschaftsminster Erhard Busek 1989 mit dem "Großen goldenen Ehrenzeichen der Republik" ausgezeichnet. 1990 wurde er von der Londoner Zeitung "Sunday Times" in die Liste der 1000 bedeutendsten Persönlichkeiten dieses Jahrhunderts aufgenommen. Im selben Jahr meinte der Zukunftsforscher Robert Jungk bei einer Tagung auf Schloß Goldegg: "Ich meine, daß dieser Leopold Kohr für die neue Zivilisation, an der wir arbeiten sollten und arbeiten müssen, eine ganz entscheidende Rolle spielen wird"; und "Für mich ist in den letzten 20 Jahren meines Lebens, das, was Leopold Kohr formuliert hat, vielleicht das Allerwichtigste, die allerwichtigste Erkenntnis geworden." Das ist doch ein Anlaß zur Hoffnung auf eine lebensfähige Zukunft.

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