H O M E
| F E E D B A C K
Sprache und Kommunikation
als zentrale Struktur- und Organisationsprinzipien belebter Natur
In:
Albers, L & Leiß, O. (Hg).
Körper-Sprache Weltbild,
Schattauer 2002.
Günther Witzany
Einleitung
Das 20.
Jahrhundert war wissenschaftlich durch eine thematisierte
Sprachbewußtheit gekennzeichnet. Fast alle geisteswissenschaftlichen
und naturwissenschaftlichen Methodologien trugen in ihrer
revidierten und reformulierten Version diesem Umstand Rechnung. Eine
breite Palette wissenschaftlicher Fachdisziplinen spezialisierte
sich auf die Analyse der Sprache, z.B die Entwürfe zur
deontischen Logik (Hare, H.v. Wright), Ansätze einer Logik
nicht-deduktiver Argumentation (Toulmin). Die Lingustik führte
Untersuchungen von Präsuppositionen (Kiefer, Petöfi), von
Konversationspostulaten (Grice Lakoff), Sprechakten
(Ross, Wunderlich), Dialogen und Texten (Fillmore, Posner)
zur Rolle der pragmatischen Dimension von Sprache durch. Weitere
Bemühungen gab es von Seiten der Semantiktheorie (Katz,
Lyons), sowie des Versuchs einer Logik der Verwendung denotativer
Ausdrücke (Strawson) und der analytischen Handlungstheorie
(Danto, Hampshire).
Darüberhinaus
gibt es Untersuchungen zur Verwendung von Zeichensystemen bei
nicht-menschlichen Sprachgemeinschaften (Zoosemiotik, Th. Sebeok))
und allgemeine zeichentheoretische Untersuchungen zur
grundsätzlichen Zeichenverwendung in biologischen Organismen (Biosemiosen).
Kaum eine
dieser Untersuchungen war in der Lage alle drei Ebenen regelhafter
Zeichenverwendung (Grammatik, Semantik, Pragmatik) gleichermaßen zu
berücksichtigen, fast alle gingen in der Analyse von (I) einem
einsamen, zweckrational handelnden Aktor aus oder wie im Falle des
Sprachbehaviorismus von (II) einer zeichenvermittelten
Verhaltensreaktion des reizstimulierten Einzelorganismus, innerhalb
eines Modelles der Nachrichtenübertragung (Kodierung und Dekodierung
von Signalen zwischen Sender und Emnpfänger bei gegebenem Kanal und
mindestens teilweise gemeinsamen Zeichenvorrat).
Besonders das
Sender-Empfängermodell, aber auch das der Kodierung und Dekodierung
grundsätzlich privater Sinninhalte kann wesentliche Bestandteile von
Sprechakten nur reduktionistisch erklären. Der performative
Charakter von Sprechhandlungen wird dann grammatisch, semantisch
reduziert, die Unterscheidung von lokutionären und
illokutionären Sprachakten kam in den meisten Theorien gar nicht
als Gegenstand der Untersuchung in den Blick, das spezifische Moment
der Gemeinsamkeit im Verstehen identischer Bedeutungen oder
gar die Anerkennung intersubjektiver Geltungsansprüche konnte
nicht angemessen rekonstruiert werden.
Semiotik bzw.
Biosemiotik schränken ihren Anspruch daher zurecht ein. Sie bekennen
sich trotz der Theoriendynamik der letzten 30 Jahre zum
Sender-Empfänger-Modell, zu einem
naturwissenschaftlich-systemtheoretischen Ansatz, der
Zeichenprozesse „beobachten und beschreiben will“ (Th.v. Uexküll.)
Daß dieser Ansatz Eingang in die medizinische Diagnostik gefunden
hat bestätigt ihre diagnostischre Relevanz.
Im hier
dargestellten sprachpragmatischen Ansatz geht es um einen
vermittelnden Aspekt: Zwischen dem Beobachten und Beschreiben, dem
in der Theorienbildung das Erklären folgt und dem Verstehen der
Bedingungen gelingender Verständigung, denn „Wir verstehen einen
Sprechakt, wenn wir wissen, was ihn akzeptabel macht“(J.Habermas),
d, h. wenn wir uns innerhalb einer Verständigungssituation gemeinsam
über die zu Recht oder zu Unrecht erhobenen Geltungsansprüche einig
sind.
Das ist der
Grund warum sich die dominanten Begrifflichkeiten bzw. die
„Sprachspiele“ zwischen Semiotik und Sprachpragmatik deutlich
unterscheiden. Für den Leser mag aber die Gemeinsamkeit der Sache um
die es geht Ausgangspunkt eines primären Vorverständnisses
sein, von dem aus er semiotische und sprachpragmatische Positionen
gleichermaßen zu erschließen vermag und sozusagen im
interdisziplinären Dialog der Argumente die zur Sprache kommenden
Phänomene und Symptome sowohl hinlänglich erklären wie auch
zureichend zu verstehen vermag. Das ist der Vorteil interdisziplinär
angelegter Analysen, daß sie ohne begriffliche Verwischung iher
Fachpositionen einen Kontrast ermöglichen der viele Probleme
transparenter erscheinen läßt.
1. Sprache
Sprache
funktioniert auf der Basis von Zeichen und Regeln der
Zeichenverwendung. Seit Charles Morris gilt: Will man Sprache
umfassend und nicht reduktionistisch definieren muß man drei Ebenen
sprachlicher Regeln auseinanderhalten: Die Grammatik regelt die
Beziehung der Zeichen zueinander, die Semantik regelt die Beziehung
des Zeichens zum bezeichneten Subjekt/ Objekt (Bedeutung) und die
Pragmatik regelt die Beziehung zum Zeichenverwender (historisch-situationaler
Kontext). Während grammatische Regeln relativ stabil sind, sind es
semantische Regeln nur vordergründig. In Wahrheit bestimmt der
Verwendungszusammenhang häufig die tatsächliche Bedeutung. Schon
recht leichte Unterschiede der Betonung in der Äußerung einer Frage
oder einer Aufforderung oder einer Bitte können für den Hörer der
Äußerung recht deutliche Unterschiede der Bedeutung ausmachen und
ihm Aufschluß darüber geben, was ich tatsächlich mit dem Gesagten
auch meine. Im „pragmatic turn“ dieses Jahrhunderts haben sich alle
ernstzunehmenden philosophischen Disziplinen auf Sprachkritik
geeinigt und Sprache ist nicht etwas, zu dem man sich auch
grundsätzlich objektivierend verhalten könnte: Jede nur denkbare
Äußerung ist sprachlicher Natur. Ludwig Wittgenstein hat das noch
radikalisiert als er meinte: „Es kann nicht einer nur einmal einer
Regel gefolgt sein.“ Einer Regel folgen ist eine soziale Praxis,
Regeln folgen sind Gepflogenheiten die sich Mitglieder einer
gemeinsamen Lebenswelt teilen. Sprechen ist primär ein soziales
Handeln (Auffordern, Fragen, Bitten, Planen, etc.) Dabei gibt es
die lebensweltbezogenen Umgangssprachen und wissenschaftliche
Kunstssprachen, die sogar formalisierbar sind wie z.B. in Mathematik
und Physik.
Konzentriert
könnte man sagen: Sprache ist ein Zeichensystem. Dieses
Zeichensystem besteht aus begrenzt vielen Zeichen und begrenzt
vielen Regeln. Trotzdem können Zeichenverwender natürlicher Sprachen
mit begrenzt vielen Zeichen und Regeln unbegrenzt viele sinnvolle
Äußerungen machen. Das ist das eigentliche Geheimnis von Sprache.
2.
Kommunikation
Kommunikation
läßt sich als das ursprünglichere Phänomen, als zeichenvermittelte,
regelgeleitete Interaktion bezeichnen, d.h. sozial interagierende
Individuen verständigten sich lange bevor eine verbalähnliche
Sprache bestand über bedeutungsvolles Verhalten, in welchem
Verhaltenssequenzen Zeichencharakter annehmen und die soziale Praxis
einer gemeinsam geteilten Lebenswelt ein Regelwerk darstellt, das
soziale Gemeinschaften strukturiert.
Die moderne
Kommunikationstheorie hält die reale, soziale Lebenswelt von - sich
eine Welt teilenden - Subjekten für alle sprachlichen Funktionen als
ursprünglich. Das gilt insbesondere für die Bedeutungsfunktion von
Sprache. Sie bindet Sprache als Zeichensystem grundsätzlich an
Kommunikationssituationen.
Erst die reale
Lebenswelt bietet jene situativen Zusammenhänge, durch die hindurch
sich erworbene und angeborene Kompetenzen in der Anwendung eines
impliziten oder expliziten Regelbewußtseins üben und bewähren,
erweitern und verändern können. Und genau genommen unterscheiden
sich sprachliche von kommunikativen Regelsystemen, unterscheidet
sich sprachliche Kompetenz von kommunikativer Kompetenz. Während die
Sprachkompetenz die Fähigkeit bezeichnet, ein Regelsystem zu
beherrschen, mit dem sich sprachliche Ausdruckssequenzen
hervorbringen lassen, bezeichnet die kommunikative Kompetenz die
Fähigkeit ein Regelsystem zu beherrschen mit dem sich
intersubjektive Beziehungen herstellen lassen. Die Grammatik eines
Kommunikationsprozesses ist deshalb nicht mit der Grammatik einer
Sprache zu verwechseln, weil sich Kommunikationsprozesse
(„Sprachspiele“) auf intersubjektive Beziehungen, Sprache hingegen
auf ein Zeichensystem beziehen.
Jeder Mensch
wird in eine soziale Gemeinschaft geboren und findet Regeln des
Interagierens ebenso vor, wie die Rgeln nach denen sich sprachliche
Ausdrücke formen und sinnvoll anwenden lassen, d.h. er muß Sprache,
Sprechen, sinnvoll sozial Interagieren nicht selbst erfinden,
sondern lernt sie im täglichen Umgang interagierender
Sozialgemeinschaften. Sprechen ist eine Form sozialen Handelns und
selbst wenn ich mit mir allein spreche oder über etwas nachdenke ist
das nur eine Sonderform sozialer Interaktion in der ich als
sprachhandelndes Subjekt selbst der Adressat der Äußerungen bin
(z.B. um mir über zu planende Handlungsabläufe klar zu werden).
Dient
menschliche sprachliche Kommunikation aber der gemeinsamen
Verständigung über etwas, dann müssen vier Geltungsansprüche
eingelöst werden, damit Verständigung über etwas gelingen kann:
Eine Äußerung
muß für den Hörer verständlich geäußert sein. D.H. versteht
der Kommunikationspartner die Äußerung nicht, kann der Spracher
nicht erwarten, daß der Hörer der Äußerung entsprechend handelt.
Eine Äußerung
muß richtig geäußert sein, d.h. sie sollte die richtigen
Ausdrücke wählen und keinen unangemessenen. Sonst wird der Hörter
nicht entsprechend antworten.
Eine Äußerung
muß wahr sein, d.h. der geäußerten Darstellung muß etwas
tatsächlich in der Realität entsprechen. Sonst kann der Hörer nicht
sicher sein, ob der behauptete Sachverhalt tatsächlich existiert.
Eine Äußerung
muß wahrhaftig geäußert sein, also so gemeint, wie sie
geäußert wird. Sonst bestehen für den Hörer berechtigte Zweifel an
der Zuverlässigkeit, bzw. Glaubwürdigkeit, bzw. Zurechnungsfähigkeit
des Sprechers.
Die
Bedingungen gelingender menschlicher Verständigung,
Verständlichkeit, Richtigkeit, Wahrheit und Wahrhaftigkeit sind
für sprechende Menschen nichthintergehbar, jeder Zweifler der sich
äußert, setzt voraus, daß ein potentieller Zuhörer seines Zweifels
die Äußerungen versteht, richtig versteht und nicht mißversteht, den
Inhalt des Zweifels als wahrheitsfähig anerkennt und den Zweifler
selbst für eine Person hält, die es ehrlich so meint, wie sie es
äußert.
Bei jeder
Verletzung dieser Geltungsansprüche droht der Verständigungsprozeß
zu scheitern, oder er wird systematisch verzerrt etwa durch rein
strategisches Handeln. Doch auch hier gilt: Auf der Grundlage
ständigen Lügens ist keine sinnvolle Kommunikation möglich, bzw.
keine Organisation sozialer Gemeinschaften.
Die
geschichtlich gewachsene Praxis sozialer Lebensgemeinschaften
bestimmt daher darüber wie Sprachspiele gespielt werden und welchen
Regeln die verwendeten Ausdrücke unterliegen. Speziell kulturelle
Deutungsmuster sind regionalspezifisch und kaum universalisierbar.
Riten und Mythen bestimmen Deutungszusammenhänge und weitgehend auch
die kulturelle Identität einer Sprachgemeinschaft wie Ausdrücke zu
verwenden sind um in sprachlichen Äußerungen sinnvolle
Bedeutungszusammenhänge herzustellen. D.h. nicht das Individuum
erteilt Bedeutungszuweisungen, sondern die Bedeutungen sind sozialer
Konsens. Die Bedeutungen ein und desselben Ausdruckes (Wortes,
Begriffes) kann aber in unterschiedlichen Handlungskontexten
unterschiedlich sein.
Ein Beispiel: „Thesh
oot in gofth eh unters.“ Hätten Außerirdische nur diesen Rest
menschlicher Sprache um menschliche Sprache als solche zu
entschlüsseln, könnten sie niemals Erfolg haben, da sie die
grammatischen Regeln nicht extrahieren könnten. Diese sind verletzt,
da die Buchstaben der Wörter grammatikalisch nicht richtig
zusammengesetzt sind. Damit eine Bedeutung grundsätzlich erkennbar
wäre müsste die Grammatik stimmen: „The shooting of the hunters.“
Die Bedeutung ist aber nicht eindeutig. Sprechen Anrainer von
Jagdrevieren über ein akustisches Phänomen des Schießens der
Jäger ist das deutlich zu unterscheiden von der eventuell
kriminaltechnischen Untersuchung über das Erschießen der Jäger.
D.h. der Verwendungszusammenhang entscheidet letztendlich über die
Bedeutung.
3.
Sonderfälle kommunikativen Handelns: Privatistischer Sprachgebrauch
Es gibt
allerdings Sonderfälle von Kommunikation in denen Menschen bewußt
oder unbewußt soziale Regeln des Sprachgebrauchs bzw. des
kommunikativen Handelns umgehen, bzw. ersetzen, da sie als Grundlage
ihres Mitteilungsbedürfnisses offenbar nicht mehr geeignet sind.
Die psychosomatische Medizin kennt unzählige Beispiele in denen
unterschiedliche Mitteilungs- bzw. Interaktions- und
Aktionsbedürfnisse in scheinbar privatistische „Grammatiken“
gekleidet werden, die zu „Semantiken“ (Bedeutungen) führen, die
innerhalb üblicher sozialer Gepflogenheiten auf den ersten Blick
unerklärlich, unverständlich und skurril erscheinen, für den
Betroffenen jedoch zu mehr oder weniger dramatischen Veränderungen
seines psychophysischen Haushaltes führen können. Die
psychosomatische Medizin muß dann - um es vereinfacht auszudrücken -
die individuelle Lebensgeschichte (-in-Gemeinschaft) des Betroffenen
re-kommunizieren (meist mit ihm und mit seinem sozialen
Bezugspersonen) um die Motive und Ursachen für seine privatistische
Grammatikkonstruktion zu ergründen und die Kontexte rekonstruieren,
innerhalb derer diese Grammatik der nichtüblichen Zeichen, die er
konstruiert, bedeutungsmäßig verstanden werden können. Hier findet
im Rekonstruktionsprozeß eine „Bedeutungsarchäologie“ statt, d.h.
der Mediziner findet Bruchstücke und Zeichenvorräte auf, denen er im
Rahmen seines Interpretationskonstruktes Bedeutungen erteilen muß,
die zu einem Bedeutungsganzen führen, d.h. die den pragmatischen
background, den historischen situationalen Kontext des Betroffenen
rekonstruieren.
Und hier tut
sich noch die Schwierigkeit auf, welcher Arzt diesen
Rekonstruktionsprozeß durchführt, d.h. im Rahmen welchen
wissenschaftlichen Sprachspiels (Theorienfundus+aktueller
Forschungskonsens) er diese Äußerungen des Betroffenen
interpretiert. Hier kann es mitunter beträchtliche
Interpretationsunterschiede geben und hierin besteht der Sinn und
die Notwendigkeit interdisziplinärer Forschung, ein integriertes
Modell des Interpretierens der Symptome (Äußerungen) diskursiv und
konsensuell zu entwickeln.
Dann kann man
begründeterweise versuchen, den Betroffenen mit geeigneten
therapeutischen Verfahren in die Welt kommunikativen Handelns zu
reintegrieren, d.h. im Ausdrucksmöglichkeiten zu eröffnen, mit denen
er für ihn und für andere prinzipiell verständliche sprachliche
(Ausdrücke, Bezeichnungen) und kommunikative (intersubjektiv-interagierende)
Handlungen vollziehen kann.
Gerade im
psychosomatischen Bereich erfährt man auch ganz praktisch die
Überlappung der Kommunikationsebenen: Interorganismische
Kommunikation zwischen Menschen in der realen Lebenswelt kann
Konflikte (z.B. Stress) hervorrufen, die sich sehr drastisch auf die
intraorganismische Kommunikation auswirkt. Die Interaktionen
zwischen zentralem Nervensystem und Immunsystem werden immer
deutlicher durch die Forschungen im Bereich Psychoendokrinologie und
Psychoimmunologie dokumentiert und therapeutisch nutzbar gemacht,
4. Sprache
und Kommunikation in der nicht-menschlichen Natur
Belebte Natur
besteht aus interagierenden Individuen. Nicht eine einzelne Zelle
war die Entstehung des Lebens, nicht einzelne wenige Zellen
breiteten sich über die Erde aus, nicht einzelne Tiere, Pilze und
Pflanzen bereichern das Ensemble belebter Natur, sondern
Populationen, soziale Gemeinschaften, Gemeinschaften von Zellen,
Zellansammlungen, Zellkolonien. Die ersten 2,5 Milliarden Jahre seit
Entstehen des Lebens waren es ausschließlich Einzeller ohne echten
Zellkern, Prokaryoten, Bakterien also, die den gesamten Globus
kolonisierten. Und schon die Entstehung der ersten Einzeller mit
echtem Zellkern vor ca. 1,2 Milliarden Jahren war die wirklich
sensationelle Revolution im Evolutionsgeschehen, weil das die
Voraussetzung für die Höherentwicklung des Lebens war, aus denen die
drei jüngsten Organismenreiche entstehen konnten, das der Tiere vor
ca. 1 Milliarde Jahren, das der Pilze vor ca. 450 Millionen Jahren
und das jüngste Organismenreich, das der Pflanzen, vor ca. 380
Millionen Jahren.
Die
sensationelle evolutionäre Revolution vom Einzellern ohne, zu
Einzellern mit echtem Zellkern war für Genetiker lange unerklärlich.
Ein Sprung in der Komplexität der DNA, ein um ein vielfach
komplexeres Lebewesen, als Bakterien oder Bakterienkolonien es
jemals sein könnten. Inzwischen finden Forscher mehr und mehr zur
Einsicht, daß es ein Akt der Vergesellschaftung von Einzellern ohne
echten Kern sein mußte, der sich symbiotisch so bewährte, daß diese
Population evolutionär sogar eine Membran entwickeln konnte, die sie
als eigenständiges Individuum unter anderen realisierte. Und so
eigenständig und wundersam Einzeller mit echtem Zellkern auch sind,
sie leben in Kolonien, in Vergesellschaftungen, in sozial
gewachsenen Generationsverläufen. Die serielle Endosymbiontentheorie
(SET) von Lynn Margulis hat hier bahnbrechendes geleistet.
Was alle
Lebewesen vom Einzeller ohne echten Zellkern und einer DNA von ca. 1
mm bis hinauf zum Menschen und einer DNA von ca. 1 Meter
kennzeichnet ist, daß es sich nicht um einzeln vagabundieren
Individuen handelt, sondern in der Regel um Populationen,
Vergesellschaftungen.
Diese sozialen
Gemeinschaften haben jeweils Geschichte(n), teilen sich Erfahrungen
und Gewichtungen dieser Erfahrungen. Die Fähigkeit, Erfahrungen zu
gewichten, ermöglicht unterschiedliche Entwicklungen und
Anpassungen.
Vergesellschaftungsprozesse und Verhaltenskoordination zwischen
vergesellschafteten Individuen brauchen den Austausch von
Informationen und Informationsaustausch braucht Zeichen, die für
Bedeutungen kodieren können. Und selbst Verhalten, bzw. Handlungen
können innerhalb von Verhaltenssequenzen Zeichencharakter annehmen
und für einen Interpreten Bedeutung annehmen, sofern er die Regeln
beherrscht, nach denen die Zeichen Verwendung finden.
Verhaltenskoordination, Vergesellschaftung sind die maßgeblichen
Kriterien phänotypischer Lebenswelten sämtlicher Organismen aller 5
Organismenreiche. Und gerade diese Vergesellschaftung und
Verhaltenskoordination biologischer Populationen gelingt nur, falls
Informationsaustausch gelingt. Und wenn wir uns die
informationsaustauschenden Individuen und den Informationsaustausch
als solchen betrachten, sind wir bei den Phänomenen Sprache und
Kommunikation angelangt.
Sprache und
Kommunikation dienen nicht nur zur Vergesellschaftung und
Verhaltenskoordination von phänotypischen Populationen. Sie sind
schon die Voraussetzung für die intrazellulären Prozesse dieser
Individuen. Nicht nur die Körper biologischer Individuen
interagieren miteinander über Sprachzeichen und Kommunikation, schon
die Bestandteile dieser Körper sind sprachlich strukturiert und
kommunikativ organisiert.
Sowohl die
Molekularbiologie, wie die Biochemie haben eine unglaubliche
Vielzahl von Zeichenprozessen gefunden, die bei der Ablesung der
DNA, der Proteinsynthese innerhalb der Zelle beteiligt sind. Die
Entwicklungsgenetik hat herausgefunden, daß nicht nur der genetische
Text definiert, wie und wann Proteinindividuen erzeugt werden,
sondern daß aufgrund komplexer Zeichenprozesse (Semiosen) zwischen
Genen und Cytoplasma bestimmt wird, welche Gene, wann exprimiert
werden. Diese intrazelluläre Kommunikation korrespondiert mit einer
unglaublichen Vielfalt von interzellulärer Kommunikationsprozesse,
deren interessanteste jene der neuronalen und hormonalen
Kommunikation zu sein scheinen. Zum Verstehen der hormonalen
Zeichenprozesse braucht man aber dann wieder den Zusammenhang und
die Struktur der neuronalen Zeichenprozesse, wie das Beispiel der
Neuroendokrinologie, speziell aber der Psychoendokrinologie und der
Psychoimmunologie zeigen. Hier wird deutrlich daß die kommunikativen
Netze des zentralen Nervensystems und jene des als subkognitives
Gedächtnis funktionierenden Immunsystem aufs engste miteinander
kommunizieren.
Betrachtet man
die Intraktionen zwischen lebenden Organismen nicht physikalistisch
oder rein mechanistisch sondern kommunikationstheoretisch, so lassen
sich drei Ebenen feststellen in die lebende Wesen grundsätzlich
verwoben sind:
a.
Intraorganismische Kommunikation: Zeichenprozesse in und zwischen
Zellen
b.
Interorganismische Kommunikation: Zeichenprozesse zwischen
artgleichen Organismen
c.
Metaorganismische Kommunikation: Zeichenprozesse zwischen artfremden
Organismen
5.
Molekularpragmatik: Kontext bestimmt Bedeutung
The shooting of
the hunters spielt sich vergleichsweise auch intra- und
interzellulär ab. Intrazellulär: Ein und dasselbe Gen kann in
unterschiedlichen Verwendungszusammenhängen für unterschiedliche
Proteine kodieren:
" The use of a
gene can depend on its context. In one cell, enolase is a glycolytic
enzyme, while in the lens cell, it´s a structural crystallin. The
GSK-3b gene can play a role in the Wnt pathway for fly segmentation
or frog neural axis formation, or it can help regulate glycolysis.
Beta catenin can hold cells together as part of the desmosome or it
can be a developmentally critical transcription factor (Piatigorsky
and Wistow, 1991; He et al., 1995; Schneider et al., 1996).
(GILBERT, 1999, p. 45).
Was auf
intrazellulärer Ebene gilt, gilt auch für die interzelluläre Ebene.
Der Verwendungszusammenhang bestimmt welche Bedeutung ein als
Zeichen fungierender Botenstoff in einem Kommunikationsprozeß
einnimmt:
z. B.
Noradrenalin: Noradrenalin wird von der Nebennierenrinde als Hormon
ausgeschüttet. Es fördert die Herzkontraktion, erweitert die
Bronchien in der Lunge und verstärkt die Kontraktionskraft der Arm-
und Beinmuskulatur. Wird Noradrenalin als Neurotransmitter von
Nervenzellen des sympathischen Nervensystems als Botenstoff
verwendet, so verengt es die Blutgefäße und erhöht den Blutdruck.
6. Inter-
und intrazelluläre Kommunikation
Die
pragmatische Zeichenverwendungsregel ist dieselbe: Spezifische
Zellen senden Botenstoffe an spezifische Zielzellen, die diese
mittels ihrerer Rezeptoren als bedeutungsrelevant identifizieren und
die Information transformiert an das Zellinnere weitergeben. Dort
erst reagiert die Zelle auf den semantischen, den Bedeutungsgehalt
der Botschaft, d.h. sie antwortet durch ein spezifisches der
Botschaft entsprechendes regelgeleitetes Verhalten und die
Produktion spezifischer Stoffe.
Bei diesen
Kommunikationsprozessen kann es zu Regelverstößen kommen, die die
Zelle veranlassen sich falsch zu verhalten oder falsche Stoffe zu
produzieren. Der Grund liegt nicht selten darin, daß der Rezeptor in
der Zellmembran einer Zelle den semantischen Gehalt, als die
Bedeutung mit einer anderen verwechselt (I) ihn gar nicht
identifiziert (II) oder einen Stoff als einen Botenstoff
identifiziert, ohne das es einer ist. Jedenfalls hängt
interzelluläre Kommunikation ganz wesentlich von den Rezeptoren als
Wahrnehmungsrinde der Zellen ab, ob Botschaften sinngemäß empfangen
werden oder mißverstanden oder aber gar nicht wahrgenommen werden.
Funktioniert
die Wahrnehmung durch die Rezeptoren der Zellmembran, so wird die
externe Botschaft in ein internes Signalübermittlungsverfahren
transferiert. Nach der Umwandlung des externen Signals in ein
internes leitet ein sekundärer Bote dieses weiter. Dieser zweite
Botenstoff bindet sich für gewöhnlich an die regulatorische
Komponente einer Proteinkinase, die daraufhin ihre katalytische
Einheit abspaltet. Diese abgespaltene Einheit überträgt
Phosphatgruppen auf bestimmte Proteine und bringt dadurch jene
Prozesse in Gang, die als zelluläre Antwort bezeichnet werden. Die
gleichen Signalstoffe lösen aber bei unterschiedlichen Adressaten,
bzw. Empfängerzellen unterschiedliche zelluläre Antworten hervor.
Denken wir nur an Adrenalin. Sind Fettzellen die Empfänger lautetet
die zelluläre Antwort: verstärkter Fettabbau. Sind Herzzellen die
Empfänger dieses Botenstoffes lautet die zelluläre Antwort:
Pulserhöhung. Sind glatte Muskel die Empfänger des Botenstoffes
Adrenalin so lautet die zelluläre Antwort: Entspannung. Und so
ließen sich dutzende Botenstoffe nennen, die bei verschiedenen
Adressaten in verschiedenen Verwendungszusammenhängen verschiedene
Bedeutungen annehmen und als solche recht unterschiedliche
Reaktionen zur Folge haben. Der pragmatische Verwendungszusammenhang
bestimmt letztendlich die Bedeutung der Botschaft.
Die Produktion
spezifischer Stoffe, bzw. eines der Botschaft entsprechenden
Verhaltens betrifft auch intrazelluläre Kommunikationsprozesse. Die
Produktion eines bestimmten Proteins als Antwort auf eine
entsprechende Botschaft im Zellinneren betrifft oft sehr komplexe
Kommunikationsprozesse: Der genetische Text, der in der DNA fixiert
ist und bei einer Gen-Expression abgelesen, kopiert und übersetzt
wird, ist als Text nur bedeutsam, wenn es reale Zeichnverwender
gibt, die den spezifischen Text ablesen, kopieren und in Aminosäuren
übersetzen. Diese Gen-Expression findet samt allen damit
zusammenhängenden Detailprozessen weder mechanistisch noch
geheimnisvoll vitalistisch statt, sondern ist das Ergebnis komplexer
zeichenvermittelter, regelgeleiteter Interaktionen und
hochspezifischer Verhaltenskoordination zwischen zahlreichen Typen
von Enzymproteinen. Die Enzyme geben den Text zur Ablesung frei,
führen das Kopieren in die drei Arten von RNA durch, untersuchen den
Text auf überflüssige Textpassagen, schneiden diese heraus,
reparieren in gewissem Umfang beschädigte Textpassagen in einem
Grob- und einem Feinverfahren und schließen den gesamten Prozeß der
Gen-Expression ab.
Die Genablesung
ist aber kein abstraktes, neutrales Verfahren. Die reale Position
einer Zelle in einem realen Organismus ist für die genexprimierenden
Enzyme das Bewertungskriterium. nach dem genau jene Abschnitte des
Genoms exprimieren, die eine Reproduktion einer Zelle in dieser und
keiner anderen Lage veranlassen. Interzelluläre Kommunikation regelt
dann die intrazelluläre Reproduktion auf so unterschiedlichen
Niveaus.
7.
Subkognitive und kognitive Gedächtnisse: Wenige genetische
Determinanten, viele kontextabhängige Netzwerkkonstruktionen
Die Wichtigkeit
der pragmatischen Ebene (Kontext) wird besonders deutlich bei der
Konstitution etwa des immunologischen Gedächtnisses aber auch der
Entwicklung des Hirnorganes bzw. der neuronalen Architektur und
Vernetzung der Neuronen. In beiden Fällen ist die genetische Vorgabe
im Verhältnis zur Leistungsfähigkeit der beiden Gedächtnisse gering:
Die Immunantwort ist ja nicht genetisch fixiert sondern nur die
Struktur jener Proteine die diese Immun-Antwort organisieren können.
Die Immun-Antwort ist das Ergbnis eines komplexen Identifizierungs-
und Interaktionsprozesses. Die Konstitution der Immunglobuline in
ihrer ungeheuren Vielfalt ergibt sich hingegen aus der variablen
Kombinierung entsprechender DNA-Sequenzen. Auch hier werden
Sequenzblöcke nicht von selbst oder zufällig verändert, sondern
durch kombinationstechnisch kompetente Enzymproteine. Sie
produzieren mit relativ wenigen variablen Sequenzbereichen nach
wenigen Regeln eine fast endlose Zahl leicht unterschiedlicher
Erkennungsproteine, die eine erfolgreiche Immun-Antwort
mitorganisieren.
Bei der
Entwicklung der Vernetzungsarchitektur des Gehirnorganes ist der
Aufbau des Gedächtnisses ähnlich: Die genetische Vorgabe wird durch
etwas mehr als 3000 Gene organisiert, das ist nicht viel im
Verhältnis zur tatsächlichen Leistungsfähigkeit des späteren
Gehirns. Die Zellen der Hirnareale sind genetisch bestimmt, allein
die Erfahrungen, Wahrnehmungen, Mustererkennungen strukturieren
neuronale Vernetzungen, gewichten sie, lassen Vernetzungsprioritäten
zwischen Hirnarealen sich verstärken oder abschwächen (Heb´sche
Regel). Über 40 Prozent der genetisch angelegten Zellpotentiale
werden gar nicht entwickelt. Wie bei der Entwicklung des
immunologischen Gedächtnisses ist die Voraussetzung für die
unglaublichen Leistungen von Gedächtnissen, daß die genetische
Bestimmung nur die beteiligten Zellpopulationen bereitstellt, das
Ergebnis der Gedächtnisleistungen ist der jeweilige Lernprozeß und
die Vernetzung neuronaler Kommunikationsstrukturen, bzw. die
subkognitive Repräsentation der Gedächtnissinhalte des
immunologischen Gedächtnisses.
8. Der Zweck
biologischer Kommunikationsprozesse
Die unglaublich
vielfältigen und komplexen Kommunikationsprozesse in und zwischen
Zellen dienen einzig und allein dem Funktionieren des
Gesamtorganismus ohne Krankheit. Die Zeichensysteme sind evolutionär
gesehen lange optimiert worden und funktionieren in der Regel
weitgehend fehlerfrei. Ziel und Zweck aller Kommunikationsprozesse
in lebenden Organismen ist gelingende Verständigung zum Zweck
optimaler Verhaltenskoordination. Das setzt voraus, daß die
Beziehung der verwendeten Sprachzeichen zueinander streng
regelkonform ist, daß die Bedeutungen von Botschaften als solche
identifiziert werden, als welche sie ausgesendet werden und daß der
Verwendungszusammenhang deutlich bestimmt, was die Botschaft
letztendlich bedeuten soll. Das wäre auch gar nicht anders denkbar.
Bei dem begrenzten Zeichenrepertoire chemischer Stoffe und
begrenzten Regeln der Kombination müssen doch praktisch unendlich
viele Detailschritte und Kombinationsmöglichkeiten realisiert
werden, die dem pragmatischen und oft unvorhersehbaren Situationen
gerecht zu werden vermögen.
Gelingende
Verständigung ist Sinn und Zweck zeichenvermittelter
Kommunikationsprozesse, sowohl im intra- wie im inter- und
metaorganismischen Kommunikationsprozessen, in Zellen wie zwischen
Kleinorganismen aber auch Menschen. Kommt es zu Deformationen
gelingender Verständigung, so funktionieren Kommunikationsprozesse
nicht, das führt zu Nichtverstehen, Mißverständnissen, falschen
Reaktionen, lebensbedrohenden Fehlentscheidungen, Desorganisation,
Krankheit. Lebende Organismen als Teile sozial organisierter
Gemeinschaften sind grundsätzlich auf gelingende Verständigung
angewiesen.
Literatur
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Leiss, O., „Diagnostische und therapeutische Bedeutung von Metaphern
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In: Hellhammer, D.H. & Kirschbaum, C. (Hrsg) Enzyklopädie der
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„Psychoendokrinologie und Psychoimmunologie“, In: Birbaumer, N. u.a.
(Hrsg.), Enzyklopädie der Psychologie: Theorie und Forschung:
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Ulcuskrankheit früher und heute: Heliobacterisierung einer
psychosomatischen Erkrankung oder Eradikation psychosomatischer
Konzepte?“, unveröff. Vortrag bei der 104. DKD
Fortbildungstagung: Weltbilder entstehen im Kopf III. Die kulturelle
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